World Illustration Award an Olivier Kugler – Interview

Am gestrigen Mittwoch gab die Association of Illustrators in London die Gewinner des erstmals vergebenen World Illustration Awards bekannt, die gemeinsam mit dem amerikanischen Directory of Illustration ins Leben gerufen wurden. In der Kategorie Editorial gewann der gebürtige Stuttgarter Olivier Kugler mit einer Reportage über syrische Flüchtlinge in einem Camp im kurdischen Teil des Iraks. In seinen Arbeiten verbindet der in London lebende Zeichner Text- und Bildelemente zu narrativen Einheiten – eigentlich sind seine Reportagen ganz einfach: Comics. Im Mittelpunkt stehen dabei zumeist Menschen, die er eine Weile in ihrem Alltag begleitet, sei es ein iranischer Fernfahrer oder ein Elefantendoktor in Laos. Mit letzterer Reportage, die in der Edition Moderne als Buch erschien, wurde er auch einem Comic-Publikum hierzulande bekannt. Seine Arbeiten erschienen unter anderem im Guardian, der Süddeutschen Zeitung, der New York Times und dem New Yorker.

Ich habe kurz vor der Bekanntgabe der Preisträger mit Kugler gesprochen, der gerade von einer weiteren Reportage-Reise zurückgekehrt ist. Wieder stehen Flüchtlinge im Mittelpunkt: Im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen beschäftigte er sich mit deren Situation auf der griechischen Insel Kos. Bis es zu einer Veröffentlichung dieser Arbeit kommt, wird es aber noch einige Wochen dauern.

In Deinen Comics und Illustrationen verdichtest Du beobachtete Situationen und Momente zu einzelnen Motiven. Wie gehst Du bei Deiner Arbeit vor? Notierst Du vor Ort und machst Fotos?
Vor Ort sondiere ich die Lage… versuche möglichst viele Leute zu treffen… führe Interviews und knipse zahllose Referenz-Fotos. Notizen und kleine Skizzen vor Ort mache ich natürlich auch. Das eigentliche Skizzieren und Zeichnen beginnt dann aber erst, wenn ich wieder in meinem Studio in London bin. Dort habe ich dann auch schon eine bessere Idee, welche von den Leuten, denen ich begegnet bin, und welche Situationen ich zeichnerisch festhalten möchte. Nachdem ich mir ein paar schnelle, kleine Skizzen gemacht habe, um mir über den Aufbau einer Seite oder Sequenz von Bildern klarer zu werden, fange ich mit dem Zeichnen an. Ich sitze dann mit dem A2-Zeichenblock vor meinem Computer und benutze die Referenz-Fotos als Vorlage für die Bleistiftzeichnung (HB-Faber-Castell).

Du bist nominiert in der Kategorie "Editorial". Ist das eine Kategorie in der Du Dich daheim fühlst?
Ja klar. Ich fühle mich da schon mehr oder weniger daheim. Habe ja in den letzten 12 Jahren fast ausschliesslich für Zeitungen und Magazine gearbeitet. Das Problem, das ich mit dem Editorial habe, ist der Platzmangel. Wenn man im Editorial mal ganze vier Seiten bekommt, ist das schon sehr großzügig. Ich hatte Glück, daß ich die Gelegenheit bekam zwei 30-seitige Geschichten für das XXI Magazin zu zeichnen. Habe davor noch nie so lange Geschichten gezeichnet, das hat mir viel Spass gemacht… Ich möchte mich in der Zukunft gerne in diese Richtung weiterentwickeln. Bücher würde ich sehr gerne zeichnen! Anfangs waren mir Geschichten und Inhalte gar nicht so wichtig, ich wollte eigentlich immer nur gute, interessante Zeichnungen machen. Aber über die letzten Jahre wurden der "Storytelling"-Aspekt und die Inhalte für mich immer wichtiger. Habe ja leider keine journalistische Ausbildung… Eine besondere erzählerische Begabung habe ich leider auch nicht! Aber reizen tut mich dieses Gebiet schon sehr und ich denke und hoffe, daß ich da auch von Projekt zu Projekt Fortschritte mache.

Wenn man reist und Menschen besucht, ergibt sich daraus erst das Thema einer Reportage oder gehst Du bevorzugt mit einem Thema, das beleuchtet werden soll, hinaus?
Das Thema ist in der Regel schon vorgegeben.

Nach der Arbeit vor Ort geht es zurück an den Zeichentisch oder Computer, an dem man lange Zeit allein werkelt. Wie ist da ungefähr die Gewichtung zwischen Recherche und Umsetzun?
Die Zeit, die ich vor Ort verbringe, ist verglichen mit der Zeit, an der ich dann an der Geschichte in meinem Studio arbeite, relativ gering. Für meine Dokumentation über einen Iranischen Lastwagenfahrer habe ich zum Beispiel nur vier Tage mit dem Trucker zusammen verbracht. Gezeichnet habe ich an den 30 Seiten ein gutes Jahr. Ähnlich war es bei "Der Elefanten Doktor in Laos". Ich habe früher sehr viel… eigentlich ausschliesslich vor Ort gezeichnet. Dafür fehlt mir jetzt aber in der Regel die Zeit. Anfangs fiel es mir schwer, von Fotos abzuzeichnen. Mit der Zeit aber habe ich mich gut daran gewöhnt. Der große Vorteil dabei ist, daß man im Studio mehr Zeit hat. Ich kann dann viel mehr Details in eine Zeichnung miteinarbeiten, was mir sehr viel Spass macht. In der Zukunft möchte ich aber auch gerne wieder mehr vor Ort zeichnen. Die Zeichnungen werden dann spontaner und gehen schneller von der Hand. Ich könnte mir auch gut den Kontrast von schnell gezeichneten Skizzen und ausgearbeiteten, sehr detaillierten Zeichnungen innerhalb einer Geschichte vorstellen.

Wie gehst Du mit dem Kontrast um, einerseits sehr sozial zu sein, dann wieder für Dich – entspricht diese Zweiteilung Deiner Persönlichkeit?
Das entspricht sehr meiner Persönlichkeit! Einerseits bin ich sehr interessiert an den Umständen der Menschen, die ich zeichne. Auf der anderen Seite bin ich dann aber auch recht froh für ein paar Monate meiner Ruhe zu haben und im stillen Kämmerchen an meinen Zeichnungen zu arbeiten.

Von den üblichen Comic-Vorbildern abgesehen, gibt es Reportagen, die Dich besonders geprägt haben?
Ganz ehrlich… ich habe mich bisher kaum mit Reportagen oder Dokumentationen auseinander gesetzt.  Ich komme einfach nicht dazu, sehe mir kaum Dokus im Fernsehen oder im Kino an und lese auch nur selten Reportagen. Ich muss das aber unbedingt mehr tun! Die zusätzliche Inspiration und Stimulierung wird mir helfen meine eigenen Arbeiten zu verbessern.

Wie geht es nun weiter, wohin geht die Reise als nächstes?
Kos, Griechenland. Dort habe ich die ersten beiden Augustwochen verbracht. Die Ärzte ohne Grenzen haben mich eingeladen, Flüchtlinge zu zeichnen, die mit dem Schlauchboot von der türkischen Küste gekommen sind. Die Flüchtlinge sind in einem heruntergekommenen, verlassenen Hotel untergebracht. Das Hotel ist total überbelegt… den griechischen Behörden vor Ort fehlen die Mittel und der Wille sich anständig um die Flüchtlinge zu kümmern.
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Von oben nach unten: Zwei Motive aus der prämierten Reportage, eine für das SZ-Magazin entstandene Seite über Cannabis-Homegrower und eine Doppelseite aus "Mit dem Elefantendoktor in Laos".
Abbildungen und Foto © Olivier Kugler

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