„Zeichnen als Beruf“ – Interview mit Kristina Gehrmann

Mit „Zeichnen als Beruf“ veröffentlicht die in Hamburg und Meerbuch lebende Zeichnerin und Autorin Kristina Gehrmann einen Leitfaden für den beruflichen Einstieg: Will man mit Manga, westlichem Comic und Illustration Geld verdienen, gilt es bestimmte Regeln zu befolgen: Beispielsweise wollen Rechnungen korrekt gestellt, Bildrechte geklärt und die eigene berufliche Tätigkeit überhaupt richtig eingeordnet werden: Schon die Fragen, ob man freiberuflich arbeitet oder ein Gewerbe betreibt, welche Toleranzen dabei gesetzlich erlaubt sind und welche Konsequenzen das für die korrekte Abrechnung und Steuererklärung nach sich zieht, überfordert viele Berufseinsteiger. Hier will der Band ansetzen und Grundlagenwissen vermitteln.

„Zeichnen als Beruf“ erscheint Anfang August im Selbstverlag und kann hier (oder bei Kwimbi) vorbestellt werden. Im Interview erläutert Kristina Gehrmann, von der zuletzt die „Im Eisland“-Trilogie erschien, unter anderem den Ansatz ihres Buches und verrät, warum es im Selbstverlag erscheint.

Welches Ziel verfolgst Du mit dem Ratgeber, an wen richtet er sich?
„Zeichnen als Beruf“ soll das Buch sein, das ich als absolute Anfängerin vor knapp zehn Jahren selbst dringend gebraucht hätte. Damals war ich mir schon ziemlich sicher, dass ich professionelle Illustratorin werden wollte, aber wo das entsprechende Grundlagenwissen zu finden war, wusste ich nicht. Die Informationen habe ich erst nach und nach gefunden. Es sind auch erst in den letzten Jahren ein paar Bücher erschienen, die sich ausdrücklich an Zeichner richten. Die Zielgruppe sind alle jungen Leute im deutschsprachigen Raum, die professionelle Illustratoren und Comic- beziehungsweise Mangazeichner werden wollen.

Das Buch liefert viele für die Praxis relevante Informationen wie Tipps zu Preisverhandlungen, zur Akquise oder Startformalitäten. Welche Fehler werden hier häufig gemacht?
Was ich oft sehe ist, dass freier Beruf und Gewerbe verwechselt oder gleichgesetzt werden, obwohl es zwei verschiedene Dinge sind. Man kann natürlich auch beides gleichzeitig haben, aber es ist wichtig zu wissen, was was ist, sonst hat man hinterher Stress und Arbeit, bürokratische Fehler wieder auszubügeln; und vielleicht unnötige Kosten.
Auch darüber, wie Nutzungsrechte funktionieren, herrscht manchmal etwas Verwirrung, sowohl bei Urhebern als auch bei ihren Kunden. Meine Ausführungen dazu sollen etwas Klarheit schaffen.

Wo siehst Du unterschiedliche Professionalisierungspotenziale im Manga- und westlichem Comic-Bereich? Siehst Du da unterschiedliche Ausgangslagen und macht das Buch da Unterschiede?
Die Ausgangslagen kaum beurteilen, da ich nur meine eigene Situation kenne, und mich – und auch andere Zeichner – nicht immer strikt in die eine oder andere Schublade einordnen kann. Ich finde, wir haben alle sehr verschiedene Ausgangssituationen, und Erfolg im jeweiligen Bereich hängt auch stärker mit den Lebensumständen zusammen als mit dem Zeichenstil. Zum Beispiel mit der Gesundheit und der familiären und finanziellen Situation.
Die Verlage machen in Deutschland, soweit ich weiß, keinen Unterschied zwischen Comics im Mangastil und anderen Comics und Büchern. Da wird alles ähnlich behandelt. Daher sind Comic- und Mangazeichner gemeinsam noch am ehesten mit Schriftstellern zu vergleichen. Da der Markt für Comics und Manga allerdings viel kleiner ist als der für Belletristik, ist es für Zeichner noch schwieriger, von ihren Werken zu leben.
In anderen Ländern, beispielsweise in den USA oder in Japan, enstehen Mainstream-Comics etwas anders – als Magazinserien, in Zeichnerteams, etc. –, aber damit kenne ich mich nicht aus.

Die klassische Einkommenssplittung bei viele Comic-ZeichnerInnen sah lange so aus, dass das eigentliche Einkommen durch Illustrationen generiert wird und die freien eigenen Comicarbeiten damit querfinanziert werden. Würdest Du das heute auch noch so sehen?
Ich vermute, dass es bei vielen Zeichnern so ist und so ähnlich ist es bei mir auch, jedenfalls, wenn man von Comic-Eigenproduktionen spricht, wie dem selbstgeschriebenen Roman, die ohne Auftraggeber enstehen.
Ein neuer Comiczeichner, dessen Verlag Hoffnungen hat, könnte dessen Werk zum Beispiel mit einer Startauflage von 1.000 Exemplaren veröffentlichen. Der Comic kostet im Handel 15 Euro netto, der Zeichner erhält pro Exemplar zehn Prozent, vom Ladennettopreis, also 1,50 Euro.
Wenn die gesamte Auflage von 1.000 Exemplaren verkauft ist, hat der Zeichner also 1.500 Euro eingenommen. Davon kann man gerade mal einen Monat lang sehr bescheiden leben.
Um dauerhaft vom Comiczeichnen leben zu können, müsste dieser Beispiel-Verlagszeichner jeden Monat etwa 2.000 Exemplare seines Werks verkaufen.
Das wäre auf dem deutschen Markt aktuell noch ungewöhnlich. Ich vermute aber, dass es einigen sehr bekannten und produktiven Zeichnern gelingt: Ralf König und Joscha Sauer haben ja sehr viele Comics veröffentlicht, die sich dauerhaft gut verkaufen. Der Rest von uns zeichnet dann Comics, wenn er es sich leisten kann.

Es gibt viele ZeichnerInnen, die irgendwann vollzeit als Illustratoren und/oder als Animatoren arbeiten konnten und darüber die Passion für Comics verloren. Eine Festanstellung bzw. nennenswerte Einkünfte und daher ein gewisser Lebensstandard konkurrieren mit der weniger gut bezahlten Tätigkeit als ComiczeichnerIn. Wie kann der Ratgeber Deiner Meinung nach helfen, dass so etwas weniger häufig passiert.
Uff, das kann ich nicht so gut beurteilen. Ich kenne zwar mehrere angestellte Zeichner, aber soweit ich es sehen kann, haben sie sich nebenbei noch ihre Leidenschaft für persönliche Projekte, was auch immer für welche, bewahren können. Auch wenn dafür weniger Zeit ist. Mein Partner – ein angestellter Zeichner – zeichnet auch in seiner Freizeit eine Menge.
Aber wieviele Comics zusätzlich entstünden, wäre das Comiczeichnen ein ähnlich gesichertes Einkommen? Darüber kann man nur spekulieren. Ich weiß nicht, ob mein Ratgeber diesbezüglich etwas ändern kann oder soll. Es geht darin „nur“ darum, Grundlagen aus der Praxis zu vermitteln. Aber vielleicht kann das Grundlagenwissen ja dem einen oder anderen einen geplanten Schritt erleichtern!

Ist die Tatsache, dass der Band im Selbstverlag erscheint, ein Ausdruck von Lektionen aus dem Buch im Sinne von „Mach es selbst, für Dich macht es sonst keiner?
Es gab für mich zwei Hauptgründe, das Buch im Selbstverlag herauszubringen. Erstens ist es ein „Nischenprodukt“, das heißt, es spricht eine kleine, sehr spezielle Zielgruppe an, was für die meisten Verlage eher schwierig ist. Zu dieser Zielgruppe habe ich besseren Kontakt als mancher Verlag, eben weil ich so viele andere ZeichnerInnen kenne oder solche, die es werden wollen.
Zweitens stehen in dem Buch auch Tipps, wie man einen Verlagsvertrag verhandelt. Da gibt es einige Passagen, die ein Verlag kritisch sehen könnte, zum Beispiel wenn ich betone, dass Verwerter, also Verlage und andere, die unsere Zeichnungen nutzen, ihre Verträge hauptsächlich zu ihrem eigenen Vorteil formulieren, und sich normalerweise so viele Rechte und Vorteile wie möglich sichern wollen, und uns dafür so wenig wie möglich zu zahlen versuchen. Das ist einerseits normal und verständlich, denn es handelt sich ja um geschäftliche Beziehungen - jeder will da so viel wie möglich zu niedrigen Kosten herausholen. Andererseits sind Verlage meistens in allen Bereichen größer und besser ausgestattet als wir Urheber, und sitzen meist am längeren Hebel. Das erschwert es uns, zu unserem Vorteil zu verhandeln. Die entsprechenden Tipps zu veröffentlichen wäre also möglicherweise nicht im Interesse eines Verlags. Dadurch, dass ich das Buch selbst herausbringe, hoffe ich die Interessen der Urheber stärker zu berücksichtigen.

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Kristina Gehrmann ist Mitglied der Illustratoren Organisation e.V., dem Berufsverband deutschsprachiger Illustratoren. Der Verband tritt mit seinen rund 1.400 Mitgliedern – darunter einer Vielzahl von ComiczeichnerInnen – nicht nur als Interessenvertretung des Berufsstandes auf, sondern gibt auch eigene praktische Informationen für den Berufseinstieg und -alltag von Illustratoren weiter. Hilfreich ist beispielsweise der Betriebswirtschaftlichkeitsrechner, eine Excel-Tabelle zu Berechnung des eigenen Stundensatzes.
Abbildungen & Foto © Kristina Gehrmann

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