„Hybride Narrativität“ und „Stadt aus Glas“

Neues von der Arbeitsgruppe „Hybride Narrativität: Digitale und Kognitive Methoden zur Erforschung Graphischer Literatur“: Für das zweijährliche Treffen der International Society for the Empirical Study of Literature (IGEL) hat Oliver Moisich von der Universität Paderborn in einem Plakat Forschungsergebnisse visualisiert: „Focalization in Comics as a Cognitive Concept“ lautet die Überschrift für den Versuch, in dem 92 StudentInnen zunächst einen Ausschnitt aus Paul Karasiks & David Mazzuchellis „Paul Austers Stadt aus Glas“ vlesen sollten. Danach sollten zehn Panels benannt werden, in denen eine subjektive Sichtweise (aus der Perspektive eines Charakters) und zehn, in denen eine objektive Sichtweise dargestellt sind. Interessanterweise wurde dabei jedes einzelne Panel des Ausschnitts mindestens ein Mal beiden Kategorien zugeschlagen. Trotzdem konnten hier gewisse Tendenzen festgestellt werden, wie die Wahrnehmung von Nahaufnahmen als subjektive Perspektiven und Long Shots als objektive. Das Plakat kann als PDF hier heruntergeladen werden.

Wie im vergangenen Jahr schon erwähnt, geht es im Rahmen der Arbeitsgruppe auch darum, mit Hilfe einer XML-basierten Beschreibungssprache für Comics den Lesevorgang zu analysieren und, darauf aufbauend, die „Entwicklung zentraler Bestandteile einer empirisch fundierten Narratologie multimedialer Narrative“. Der Editor, mit dem Comicseiten in XML-Code umgewandelt werden, ist als java-File online verfügbar, ich habe mit einer Seite aus „Hellboy“ angetestet, wie das funktioniert:

Im Prinzip ist der Editor ein sehr einfaches Bildbearbeitungsprogramm, mit dem sich unterschiedliche Flächen markieren lassen: Panels, Sprechblasen, Erzähltext, Personen und Soundwords lassen sich – mit etwas Übung sicher viel genauer – kennzeichnen. Das ist ein etwas mühsames Geklicke, einzig Panels versucht das Programm selbständig zu erkennen (was hier nicht klappte, bei einer anderen Seite mit sechs rechteckigen Panels vor weißem Hintergrund hingegen schon). Das wird dann in XML-Code umgesetzt:

Nach dem heutigen Stand der Technik, wenn automatisch unterschiedliche Bildinhalte auf Fotos benannt und wichtige von unwichtigen Videoinhalten unterschieden werden können, wirkt das schon ein wenig antiquiert. Aber gut, seitens der Comicforschung ist das immer noch ein Riesenschritt, wenn ganz neue Analysemethoden ermöglicht werden, wenn diese exportierbaren XML-Daten als Ausgangspunkte für weitere Untersuchungen dienen. Sind die Seiten so markiert, können die Daten beispielsweise mit Untersuchungen der Verweildauer der Blicke der Lesenden verschränkt werden (wie hier zu sehen), wodurch beispielsweise Rückschlüsse darüber gezogen werden können, welche Art von Panelübergängen am schnellsten und welche am langsamsten wahrgenommen werden. Nur ein Beispiel für das Potenzial der ineinandergreifenden Neurowissenschaften, Informatik und Comicforschung.

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