Manga / Boys' Love im Fokus

Derzeit erscheint eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit Manga und diversen damit zusammenhängenden Phänomenen auseinandersetzen: Wie neulich schon gemeldet, bietet die nun in Hamburg laufende Ausstellung „Hokusai x Manga“ eine Erzählung an, um auch dem Manga-fernen Publikum durch den Bezug zu anerkannter Kunst (Hokusai etc.) japanische Comics als kulturell wertvoll schmackhaft zu machen. Dass das ankommt, zeigt der Artikel-Dreier, der in der heutigen Süddeutschen Zeitung erschienen ist: Neben einer Vorstellung des gerade angelaufenen Hokusai-Kino-Animes betten die beiden weiteren Texte aktuelle Mangakultur ein: Till Briegleb macht das historisch und folgt in „Gefesselte Freiheiten“ der Ausstellungslinie und legt die „lange und reiche Geschichte der japanischen Comics“ dar. Juliane Liebert befasst sich mit aktuellen Manga und dass ihre wichtigste Feststellung in einer Klammer steht, mag symptomatisch sein für die dann doch nicht ganz so enge Umarmung der „unterschätzten Kunstform“: „Beim Manga handelt es sich eher um einen Granatapfel als um eine Pflaume“ – eine treffendes Bild für den Fehler, sich von ganz oberflächlichen Feststellungen abgesehen einem künstlerischen/ästhetischen/inhaltlichen Kern nähern zu wollen. Die Vielfalt des Manga deutet Liebert anhand einiger Beispiele an, ihr Ergebnis, dass die japanischen Comics eine „vielfältige, bizarre und liebenswerte Bildwelt“ eröffneten, scheint dann aber doch wieder mit spitzem Finger formuliert. Und mit ihrer Bemerkung „dann gibt es noch die Werke, die - jetzt ganz tapfer sein! - kommerziell und anspruchsvoll zugleich sind“ führt sie gleich wieder den leidlichen U-/E-Diskurs fort, der bei Texten über Graphic Novels häufig immer noch mitschwingt. Daran wird man sich wohl gewöhnen müssen, wenn auch andere Manga als jene von Jiro Taniguchi den Weg in die Feuilletons finden. Aber wäre eine solche Anerkennung seitens der Manga-Leserschaft überhaupt gewollt?

Der Diskussionsstand innerhalb der Szene ist ein ganz anderer: Aktuell geht es um das Für und Wider von Boys' Love, dem sehr erfolgreichen Manga-Genre schwuler Liebesgeschichten. Warum diese so populär sind, beleuchtet Bloggerin und Manga-Enthusiastin Aza in einem Beitrag auf lavendellila: Meistens geht es um klassische Liebesgeschichten, die schon immer populär waren, besonders unter Frauen. Hinzu kommt ein niederschwelliger Zugang zu Erotikmaterial bzw. Pornografie. Und wichtig sei auch der Szene-Aspekt, das Networking untereinander und die Unterstützung von ZeichnerInnen. Mit ihrem Beitrag „Fanfictions, Doujinshi und die deutsche Szene“ hatte Kikidergecko an dieser Stelle erst kürzlich die beiden letzten Punkte aus feministischer Sicht beleuchtet: Es geht auch darum, einen sicheren Raum zu erschaffen, an dem mit Sexualität experimentiert und Phantasien ausgelebt werden können.

Gerade in den sozialen Aspekten scheint mir ein Schlüssel zu liegen, um die Faszination Manga zu verstehen: Mehr als in der althergebrachten Comic-Szene hat die Manga-Szene Elemente von Jugend- und Subkultur herausgebildet, die man früher viel stärker in Musikszenen sehen konnte: Eigene Ästhetiken, eigener Habitus, eigene Medien, eigene Musik/Literatur, etc. Da geht es auch um Abgrenzung, um die just erwähnte Schaffung eigener Räume. Will man das Gesamtphänomen Manga im deutschsprachigen Raum fassen oder die Gründe für dessen Popularität untersuchen, kommt man an solchen Aspekten nicht vorbei. Boys' Love mag, wenn man sich einzig mit den gedruckten Comics befasst, hierfür das sichtbarste Symptom sein.  Dass die Popularität von Boys' Love andererseits aber zu Lasten der Genrevielfalt geht, führt David Füleki im Interview auf sumikai.com aus: Er attestiert hier eine Selbstbeschränkung – KünstlerInnen gingen durch die Wiederholung von Genre-Schemata den Weg des geringsten Widerstands – und wünscht sich mehr Abwechslung in den Geschichten deutscher Mangaka.

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Abbildungen © Kazé, © Carlsen, © Egmont Manga, © Tokyopop

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