Ein langer Weg zu den 500.000

Die Neuigkeit, dass die Startauflage von Raina Telgemeiers neuem Buch „Ghosts“ in den USA bei 500.000 liegt, erinnert daran, wie schwer es Comics in Deutschland weiterhin haben und dass sie kaum einem ihrer AutorInnen und ZeichnerInnen ein nennenswertes Auskommen garantieren.

Zunächst zu den Zahlen in den USA: Eine Startauflage von einer halben Million für ein in sich abgeschlossenes Comic-Buch ist bemerkenswert. Nicht nur Graphic Novels mit dem zusätzlichen Absatzkanal im Buchhandel, auch Hefte schaffen es nur im Ausnahmefall in diese Sphären. Zuletzt war es die Startausgabe der neuen „Star Wars“-Comics, die zuletzt die magische Grenze von einer Million Heften passieren konnte, wenn auch nur mit der Hilfe von Dutzenden Variantcovern, die mehrfachkaufende Sammler ansprachen. Eine sechsstellige Auflage für eine laufende Heftserie ist derzeit die absolute Ausnahme, selbst Frank Millers dritte „Dark Knight“-Miniserie verkauft derzeit unter 150.000 Exemplaren pro Ausgabe und „The Walking Dead“ trotz erfolgreicher TV-Auswertung samt Spin-Off weniger als 70.000. Je länger Serien laufen, umso wahrscheinlicher sind eine fallende Auflagen – mit ein Grund für dauerende Megaevents inklusive Serienneustarts.

In sich abgeschlossene Comicbücher (sagen wir ruhig Graphic Novels, auch wenn in den USA darunter mehr und mitunter andere Titel fallen als im deutschsprachigen Raum) schaffen da mitunter weitaus höhere Auflagen. Von Raina Telgemeiers beiden anderen Büchern, den auch auf deutsch vorliegenden „Smile“ und „Drama“, gingen bisher über 6,5 Millionen Exemplare über die Tresen. Was natürlich auch eine Ausnahme ist, aber trotzdem zeigt, wie viele LeserInnen ein Comic in den USA erreichen kann – und in vergleichbarem Maß bisher nicht in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Selbst von einem, nun ja, Bestseller eines einheimischen Autors wie Mawils „Kinderland“, einem Buch, das kaum breiter besprochen werden könnte, verkaufen sich nur rund 10.000 Exemplare. Annehmbar ist, dass Titel von Reinhard Kleist oder Ralf König mitunter höhere Auflagen haben, aber wenn selbst jemand wie Flix trotz mehrfach aufgelegter „Don Quijote“- oder „Faust“-Adaptionen darüber jammert, wie wenig Geld mit der Arbeit an Comics zu machen ist, sagt das viel über die Verdienstmöglichkeiten, die Comic-KünstlerInnen hierzulande haben. Und daran hat auch das Graphic Novel-Phänomen der letzten zehn Jahre kaum etwas geändert. Ein Bestseller wie Marjane Satrapis „Persepolis“ mit einer Gesamtauflage von über 100.000 Exemplaren ist weiterhin eine absolute Ausnahme. und solche Auflagen von Büchern deutscher Autoren sind ein Ding der Vergangenheit.

Wie die Comic Cons derzeit zeigen, gibt es ein spürbares Interesse an Entertainment-Stoffen, und Versuche, das mit einheimischen Comics zu bedienen, gibt es mehrere, aktuell beispielsweise die „Perry Rhodan“-Comics bei Cross Cult oder die „Austrian Superheroes“. Inwieweit damit ein Publikum außerhalb der Comic-Szene erreicht werden kann, wird sich noch zeigen. Seitens „Perry Rhodan“ ist es aber sicher nicht so, dass die Hefte aus den Regalen gerissen werden, und nach drei Heften – das letzte erschien Ende März – wurde noch keine Fortsetzung angekündigt. Die Forderungen nach Unterhaltung kann man inhaltlich nur unterstützen, eine Belebung des Marktes dadurch bleibt aber mehr als alles andere eine Hoffnung.

Wenn auch erfolgreiche Künstler lamentieren, bleibt allen anderen nur die Möglichkeit, sich mit der derzeitigen Situation zu arrangieren. Zu den bekannten Tugenden von Comic-Künstlern Leidensfähigkeit, Ausdauer und geringen finanziellen Ambitionen kommt nun noch die Erwartung, sich selbst zu vermarkten: Es ist nicht auszuschließen, dass auf Comic Cons mit ihren Künstlertischen, an denen persönlich verkauft wird, für viele ein wichtiges finanzielles Standbein geschaffen wird. Das schließt Vorarbeit in Sachen Onlineauftritt und Fanservice mit ein und die Fähigkeit, als Person präsent zu sein. Dass das mitunter zu nennenswerten Erfolgen führen kann, ist – einmal mehr – im Manga-Bereich zu beobachten. Besonders erfolgreiche Mangaka können an einem Wochenende höhere vierstellige Umsätze machen. Das ist anderen Comic-Machern nur zu wünschen. Interessant ist, wie sich hier Merkmale der digitalen Ökonomie wiederfinden lassen: Alle sind kleine Unternehmer, die ein individuelles Risiko tragen – nur fehlt das große Unternehmen im Rücken und bisher der Buzz um die gemeinsame Sache. Natürlich versucht jeder – Verlage, KünstlerInnen, Schreiber – auf eigene Art, diesen zu erzeugen. Was alle verbindet ist der lange Atem, den es weiterhin dafür braucht. Und die Gewissheit, Überzeugungstäter sein zu müssen. Bis zum Megaseller wie im Fall von Raina Telgemeiers Büchern in den USA ist es ein langer Weg.

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Foto © Daniel Dornhöfer
Anmerkung: Ich will gar nicht verschweigen, dass ich keinen detaillierten Überblick über die Ökonomie des Manga-Marktes habe und welche Möglichkeiten sich AutorInnen hier bieten. Das sind meine Hausaufgaben für einen zukünftigen Artikel.

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