Weiterhin keine eComic-Revolution

Bisher ist die digitale Revolution auf dem Comicmarkt bekanntlich ausgeblieben. Die hier und da prognostizierte Umwälzung der Branche fand nicht statt, selbst in den USA dümpelt der Umsatzanteil am Gesamt-Comicmarkt bei rund 10% herum (auf dem deutschen Buchmarkt im 2014 bei 4,3%). Was hauptsächlich stattgefunden hat, ist eine Diversifizierung der Vertriebswege: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Comics digital zu lesen. Ob auf dem Desktop, auf dem Tablet, ob als "Stream" oder gänzlich heruntergeladenen Daten, ob in der eigenen App, bei externen Comic-Anbietern oder über die Vielzahl der allgemein aufgestellten ebook-Verkäufer wie libri oder Amazon, viele Verlage gehen eigene Wege, manche dabei sogar mehrere. Allein die digitalen Vertriebswege von Panini sind vielfältig: Comics gibt es via Mad Dog, Comixology, eigenem "Stream", bei Amazon und anderen Anbietern. Aber nicht das ganze Verlagsprogramm, sondern nur eine Auswahl. Wer aktuelle deutschsprachige Comics von Batman oder Spider-Man sucht, wird online nicht fündig.

Für einzelne LeserInnen mag es die richtige Lösung, den simplen Bezug und die richtige technische Aufarbeitung geben. Betrachtet man sich den Comicmarkt insgesamt, ist die größte Errungenschaft, die die digitale Distribution bisher mit sich gebracht hat, eine gewisse Unübersichtlichkeit, die es auf dem Print-Markt so nicht gibt. Falls es hier eine Revolution gibt, schleicht sie voran. Download- oder Umsatzzahlen bleiben unveröffentlicht, auch wenn weiterhin ebook-Programme ausgebaut werden, wie derzeit bei Carlsen Manga.

Aber nicht nur in Sachen Vertrieb, auch technisch wurde bezüglich eComics lange Zeit bevorzugt mit dem großen Besteck hantiert. Wobei von Anfang an die herausgestellten Möglichkeiten und praktische Umsetzung ein Spannungsfeld eröffneten: Die Herausforderung, unterschiedliche Ausgangsformate auf unterschiedlichen Readerformaten darzustellen (zum Beispiel ein ca A4-Album auf dem ca. A5-iPad) brachte Lösungen in der Art von Comixologys "Guided View" mit sich, bei der Einzelpanels nacheinander vergößert dargestellt werden. Eine Hilfslösung, die weiterhin als Errungenschaft verkauft wird. Technischen Ideen, die bei exklusiven eComics die Möglichkeiten des Storytellings erweitern, gibt es durchaus. Bisher hat sich nur keine davon durchgesetzt und das Gimmick-hafte bleibt weiterhin im Vordergrund.

Bis auf Weiteres gilt das auch für die Möglichkeiten, die Electricomics mit sich bringt, ein neues digitales Projekt, über das auch deswegen dieser Tage so viel berichtet wurde, weil mit Alan Moore einer der wenigen Comic-Weltstars mit an Bord ist. Anfang des Monats wurde die namensgleiche App zunächst für das iPad veröffentlicht, die vier Comics, unter anderem von Moore, enthält. Nicht zuletzt soll mit diesem ersten, übrigens kostenlosen, Schwung demonstriert werden, was hier als eComic möglich ist. Es sind nette Ideen, die präsentiert werden, wenn das Tippen auf bestimmte Bildschirmbereiche oder das Kippen des Tablets nicht-lineare Erzählweisen ermöglicht. Anderes ist hingegen technisch altbekannt, wie Moores peu à peu (= Tipp für Tipp) Panels enthüllende "Little Nemo"-Variation. "The comic book tech revolution is here" titelt der Guardian, anschließen möchte man sich nur bedingt. Interessant könnte es werden, wenn Electricomics sich als Plattform für Comics Dritter etabliert, denn die Plattform ist als open source-Projekt gedacht, die Software zum Erstellen soll in Zukunft frei verfügbar sein.

Bis auf Weiteres geht es auch bei Electricomics ums Ausloten von Möglichkeiten und Potenzialen, was technisch machbar ist, was dessen Verhältnisse zum Storytelling betriftt und auch bezüglich vertrieblicher Entwicklungen. Eine open source-Lösung, wie Electricomics sie verspricht, ist eine willkommene Ergänzung der Möglichkeiten, eComics zu erstellen und zu vertreiben. Aber ähnlich wie bei Büchern, Musik oder Filmen bestimmt derzeit auch bei Comics die schiere Vielzahl der vertrieblichen Kanäle und deren Anbieter die Entwicklungen im digitalen Bereich. Nur dass hier eine weitere Umwälzung, geschäftlich oder inhaltlich, derzeit nicht abzusehen ist.

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Abbildungen © Klein – Electricomics, © Moore – Doran – Schultz – Electricomics
Zwei Dinge habe ich oben nicht angesprochen: Dass einige Verlage bisher noch gar keine eComics anbieten (zum Beispiel avant, Edition Moderne, Rotopol, Reprodukt oder Salleck) und die Frage, was eComics genau sind. Fallen darunter zum Beispiel auch Webcomics?

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