"Jeder Titel ist eine neue Herausforderung" – Thomas Gilke über Cover-Gestaltung

Es heisst, man solle es nicht tun, dann macht man es aber doch immer wieder: Ein Buch nach seinem Cover beurteilen. Man richtet vielleicht nicht über den Inhalt, aber häufig entscheidet die Außengestaltung darüber, ob man ein Buch, Heft oder Album zum Beispiel im Laden in die Hand nimmt – oder eben nicht. Cover sind wichtig, sie vermitteln einen wichtigen ersten Eindruck und sind gewissermaßen Visitenkarten in Katalogen und Online. Wenn ein Verlag nicht gerade mit einem Autor direkt zusammenarbeitet und so ein Cover entwickeln kann, sondern einen Titel als Lizenz erwirbt, gibt es in der Regel bereits mindestens eine Gestaltung: Das Cover der Originalausgabe, das einfach übernommen werden kann. Doch was ist, wenn man nicht damit arbeiten will? Verlage verfolgen häufig ihren eigenen Stil und eigene Layouts und vielleicht erschien der Lizenztitel selbst im Rahmen einer Reihe, deren Design man nicht übernehmen möchte. Oder es gibt schlicht den Gedanken, dass man ein ästhetisch ansprechenderes Cover finden kann. Neben geschmacklichen Erwägungen spielen Argumente des Marketings und Vertriebs eine Rolle. Und den Künstler oder die Künstlerin des Originals möchte man in der Regel auch mit einbeziehen, um nicht für Unmut zu sorgen. Letztlich liegt es an den Gestalterinnen und Gestaltern der Verlage, all die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen.

Seit Beginn der Graphic Novel-Reihe von Egmont ist der im Brandenburgischen Buckow lebende Gestalter, Illustrator und Comic-Autor Thomas Gilke (Website | Blog) für die Gestaltung der Bücher zuständig. Er entwarf nicht nur Logo und das weitere optische Auftreten des noch jungen Verlags-Ablegers, sondern widmet sich auch vielfach der Gestaltung einzelner Titel. Dabei weichen die von ihm gestalteten Buchcover häufig grundlegend von den Designs der Originale ab – was von den Lizenzgebern und Künstlern der Vorlage immer abgesegnet wird, bevor ein Titel in Druck geht. Ich unterhielt mich mit ihm über die Herausforderungen der Cover-Gestaltung.

Warum entscheidet man sich dazu, ein neues Cover zu gestalten?
Nun, das kann unterschiedliche Gründe haben. So werden manche Lizenztitel in Deutschland in einer anderen Form veröffentlicht, so daß z.B. aus der ursprünglichen Hardcover-Veröffentlichung eine Klappenbroschur wird. Sprich, das Format ändert sich, teilweise sogar ziemlich massiv. Oder aber, ein Titel ist im Original zu dezent, und man müsste befürchten, daß er im Buchhandel übersehen wird. Oder er ist zu knallig, daß man wiederum befürchtet, er wirkt in Deutschland nicht seriös genug für die in der Geschichte behandelten ernsthaften Inhalte. Manchmal entscheidet man sich aber auch dafür, ein Buch „schöner“ machen zu wollen, das ist wohl die subjektivste Variante… Für mich persönlich hatte es, abgesehen davon, aber auch immer einen großen Reiz, daß der selbe Titel in anderen Ländern unterschiedlich gestaltete Cover hat.

Müssen Bücher einem Egmont-Verlags-Stil angepasst werden?
Tatsächlich gibt die Egmont-Gruppe eine gewisse Corporate Identity vor, wie die meisten Verlage. Doch speziell für das Verlagslabel Egmont Graphic Novel gibt es natürlich ein Label-spezifisches Erscheinungsbild, das sich auch in Foldern, Plakaten, Anzeigen, etc. widerspiegelt. Mein großes Glück ist, daß ich neben der Covergestaltung auch für dieses Erscheinungsbild zuständig bin, bzw. dieses im Vorfeld der Label-Werdung mit dem Verlag selbst erarbeitet habe. So entsteht sozusagen automatisch ein – hoffentlich stimmiges – Gesamtbild. Bei unterschiedlichen Titeln müssen dabei unterschiedliche Wege eingeschlagen werden, mal fertigt der Zeichner ein neues Covermotiv an, mal lettere ich typographische Elemente von Hand, mal müssen Bildelemente angeflickt oder auch entfernt werden… und so weiter und so fort.

Gibt es bei der Neugestaltung genaue Vorgaben, oder sind es eher Wünsche wie zum Beispiel „Es muss auffallen“?
Also, „Es muß auffallen“ habe ich so tatsächlich noch nicht gehört - die Wünsche sind meistens schon etwas differenzierter. Aber ja, es gehört tatsächlich zu meinem Job mit dem zuständigen Redakteur zusammen aus manchmal noch etwas diffusen Wünschen ein funktionierendes Cover zu entwickeln. Jeder Titel ist dabei eine neue Herausforderung.

In Ihren Arbeiten (oben zu sehen: Ein "Leroy & Dexter"-Strip und eine Auftragsarbeit für die Villa Stuck) verbinden Sie häufig grafisch klare Elemente – geometrische Formen, gerade Linien, etc. – mit eine Verspieltheit in der Gesamtkomposition. Inwiefern beeinflussen persönliche Arbeiten dann Buchgestaltungsprozesse? Muss man sich da manchmal zurückhalten?
Natürlich fließen persönliche Vorlieben oder ein persönlicher Stil in irgendeiner Form in alles ein, das ich gestalte. Das scheint aber kein Problem darzustellen, schließlich wurde ich von Verlagsseite angeworben, habe das Label also von Anfang an betreut und arbeite für diesen Verlag bis heute. Aber ich finde es auch sehr wichtig, nicht an den Inhalten oder dem Stil der zeichnenden Autoren vorbeizuarbeiten. Manche Autoren wünschen sich zudem explizit, daß nichts an der Buchgestaltung verändert wird, andere freuen sich über Vorschläge zu einer Überarbeitung oder Neugestaltung. Grundsätzlich muß man als Gestalter kompromißbereit und diplomatisch an die Arbeit herangehen. Außer den Autoren haben ja auch noch eine Menge anderer Einfluß darauf, ob ein Cover den Marsch durch die Instanzen besteht: die ausländischen Lizenzgeber, der zuständige Redakteur, es gibt Vertriebs- und Marketingkonferenzen und diverse „Chefetagen“ im Verlag… da wird man mitunter schon gestoppt, wenn man sich mal „nicht zurückhält“. Trotzdem sollte man die Idee zu einem Gesamtkonzept nicht aus den Augen verlieren.

Nehmen wir das Beispiel "Intisars Auto" – wie sah hier der Gestaltungsprozess aus? Wo lagen die Herausforderungen?
Bei "Intisars Auto" ist der bereits genannte Fall eingetreten, daß man von Seiten des Verlags eine neues Cover wünschte, das sich weniger zurückhaltend als die bereits existierenden zwei Cover-Varianten gibt. Der betreuende Redakteur hatte die Idee, hierzu die Farben Gelb und Blau zu verwenden, die das im Titel genannte Auto im Buch hat, und das Ganze insgesamt etwas rasanter aussehen zu lassen. Das Material, das ich dazu geliefert bekam, waren offene Daten (d.h. Daten, bei denen ich Zugriff auf die einzelnen Gestaltungselemente wie Typographie oder Zeichnungen habe) der ursprünglichen Gestaltung.
Die Herausforderung? Die Wünsche aller Beteiligten in einer Form unter einen Hut zu bekommen, die ich dann auch trotz kaum zu vermeidender Kompromisse zufrieden aus der Hand gebe!

Gab es Zwischenschritte? Musste etwas geändert oder zurückgenommen werden?
Selbstverständlich gab es Zwischenschritte. Man darf sich das nicht so vorstellen, daß der Verlag etwas bei mir bestellt, ich erledige das, liefere und wieder ist ein Cover fertig.
Zuerst erarbeite ich einen ersten Vorschlag – hier gibt es noch den ein oder anderen Platzhalter, Leerstellen und Blindtexte; aber dieser Entwurf ist der Grundstock für die weitere Arbeit, an dem man sich nun durch die sich aufwerfenden Fragen arbeiten kann. Sind die Farben gut gewählt? Passt die Typo und sind Rücken- und Klappentexte gut lesbar? Muß man Texte kürzen? Wie steht es mit der Bildauswahl? Um "Intisars Auto" neu zu gestalten, wurden also etliche Mails mit großen oder kleinen Änderungswünschen und Korrekturen von Seiten des Verlags und Vorschlägen und Wünschen von meiner Seite hin- und hergeschickt. Dabei wird das Cover immer wieder verändert, je näher man dem Ziel kommt, desto mehr geht es ins Detail… Auf der Strecke geblieben ist auf diesem Weg z.B. meine "arabische" Lieblings-Titel-Typo. Und bevor ich abschließend die Druckdaten erstellen kann, muß das Cover auch noch von den Lizenzgebern und Autoren freigegeben werden.

Ganz links: Das eine der bereits bestehenden Cover (eingedeutscht) und rechts davon das andere. Daneben: Einer der ersten Entwürfe für das "neue" Cover. Mein eigentlicher Liebling steht hier ganz rechts – doch die arabische Typo musste weichen und die Position der Illustration angepasst werden.

Wann ist ein Cover für Sie ein gelungenes Cover – ganz allgemein und bei den eigenen Designs?
Gelungen finde ich ein Cover, wenn es ein gelungenes Gesamtpaket ist. Inhaltlich sollte es auf den Comic, den es verpackt und in gewisser Weise auch repräsentiert, auf jeden Fall Bezug nehmen und die Arbeit der Autoren respektvoll als Grundlage nutzen. Außerdem ist mir immer sehr wichtig, daß das Cover nicht in seine Einzelteile zerfällt, die dann sozusagen getrennt voneinander gestaltet werden; mit Einzelteilen meine ich Frontcover, Rücken, Backcover und auch die Innenseiten des Umschlags, also Vor- und Nachsatz (eben die Seiten, auf denen bei Tim & Struppi die Galerie zu sehen ist). Ach ja, und ich liebe die Reduktion - womit wir wieder bei meinen geometrischen Formen und geraden Linien angelangt wären…

– Thomas Gilke über einige der für Egmont Graphic Novel entstandenen Cover:

"Der König des Mars" von Dylan Horrocks: Links eine Hauruck-Version, damit der Verlag schon mal deutsches Bildmaterial für Vorankündigungen usw. hat. So eine „Urversion“ gibt‘s von den meisten Titeln. In der Mitte eine handgeletterte Typo, erster Versuch, und rechts dann das finale Cover mit einer neuen handgeletterten Typo.


Lange Zeit war der Entwurf links der Prototyp des Covers für Prados neues Werk "Leichte Beute", das gerade im Entstehen ist. Das kommt „meinem“ grafischen Stil schon sehr, seeehr nah - ich habe schon von der Sonderfarbe Neonrot geträumt! Doch es läuft auf das Cover rechts hinaus. Zugegebenermaßen entspricht das wohl mehr dem Geschmack der Prado-Fans.


Am Beispiel dieses Schutzumschlags kann man gut erkennen, was ich damit meine, wenn das Cover „in seine Einzelteile zerfällt“.


Die Hardcover-Version von Mark Siegels "Sailor Twain" in Form eines von mir so geliebten „Gesamtpakets“. Das Ganze war sehr aufwändig, da ich das Bildmaterial für Rücken und Backcover aus gefühlt hunderttausend Einzelteilen selbst zusammenbauen musste - immer mit der Angst im Nacken, daß mein Vorschlag dann vielleicht abgelehnt wird. Ist aber dann so erschienen!


Bei "Unterwegs mit Hector" konnten wir den Autor Alvaro Ortíz dafür gewinnen, den Titel als "Gesamtkunstwerk" komplett neu zu zeichnen. In so einem Fall bereite ich so einen Dummy für die Zeichner vor, daß sie die Positionen der einzelnen Elemente (auch z.B. der Logos und Barcodes!) einplanen können – sozusagen Gestaltung ins Ungewisse.


Alvaro Ortíz belohnte uns mit dieser tollen Zeichnung! Nach dieser Vorgehensweise entstanden und entstehen hoffentlich auch in Zukunft noch mehr Cover in enger Zusammenarbeit mit den Zeichnern!

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Foto: © Thomas Gilke; Alle Abbildungen: © Egmont
Thomas Gilkes Comic "Leroy & Dexter" erschien im avant-verlag, einzelne Kurzcomics finden sich auch auf electrocomics.com.

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