"Dinomania" – Von McCay zu "King Kong"

Winsor McCay gehört unbestritten zu den großen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Seine Comics und Editorial Cartoons verblüffen bis heute durch ihren scheinbar grenzenlosen Einfallsreichtum und die technische Brillanz ihrer zeichnerischen Umsetzung. Man sollte meinen, dass das Werk McCays in Gänze beleuchtet wurde, in dessen Zentrum der Strip "Little Nemo in Slumberland" steht, der im vergangenen Jahr in einem großformatigen Sammelband erschienen war. Aber wie ein gerade erschienenes Buch zeigt, gibt es hier noch weiße Flecken.

"Dinomania" ist dieser Tage beim amerikanischen Comic-Verlag Fantagraphics erschienen und befasst sich mit einem Strip McCays, der bisher nur den wenigsten bekannt ist: "DINO". Winsor McCay hatte kurz vor seinem Tod 1934 nur eine Handvoll Strips um den Dinosaurier, der nach New York kommt, beendet. Sein Sohn Robert nahm einige der Dinosaurier-Zeichnungen als Vorlage für seinen eigenen kurzlebigen "Little Nemo"-Comic, Originale wurden zum Teil zerschnitten und landeten in Sammlerhand. Der McCay-Experte Ulrich Merkl hat nun nicht nur alle bekannten Fragmente zusammengetragen, sondern zeigt im knapp 300-seitigen Bildband, wie sich darin und im sonstigen Werk McCays Einfälle finden, die später vor Allem im Film aufgegriffen wurden. Riesenmonster, die Großstädte zerstören – dieses Motiv findet sich erstmals bei McCay. Und wie er im Buch darlegt, finden sich nicht nur grundsätzliche Ideen zunächst im Comic, es geht hin bis zu einzelnen Einstellungen, die sich zum Beispiel in "King Kong" (1933) wieder finden lassen. "DINO" und die anderen Comics McCays waren hier wegweisend.

So behandelt "Dinomania" gleich mehrere Dinge auf einmal: den vergessenen Strip, dessen Hintergründe und Rekonstruktion, das Genre des Monster-Films (bzw. -Comics) sowie die Faszination der Zerstörung vor allem New Yorks. Darüber hinaus gibt der Band Einblicke in die Hochzeit der Zeitungsillustration kurz vor ihrer weitgehenden Ablösung durch die Fotografie. Und all das in einer Opulenz, die Comic-, Film- und Popkultur-Historiker gleichermaßen ansprechen wird: Hunderte Comics, Fotos und Illustrationen, die meisten davon seit ihrem Erscheinen in Zeitungen oder Magazinen unveröffentlicht, bebildern den großformatigen Band.

Bereits 2007 hatte Ulrich Merkl in einem Band alle "Dreams of a Rarebit Fiend"-Strips veröffentlicht – und das in Eigenregie. Der mehrere hundert Seiten umfassende und einladend gestaltete Band wurde nie im Buchhandel angeboten und ist heute nur noch antiquarisch erhältlich. Im Interview geht Ulrich Merkl – interessanterweise neben "Little Nemo"-Herausgeber Alexander Braun der zweite aus Deutschland stammende McCay-Experte – auf "DINO" und dessen Bedeutung ein.

Was sollte aus dem "DINO"-Strip werden? Eine neue Sonntags-Serie?
Höchstwahrscheinlich. Leider ist McCay überraschend verstorben, als gerade fünf oder sechs Seiten vollendet waren. Das unpublizierte Material ist dann in der Familie McCay liegengeblieben und wurde im Laufe der Jahrzehnte an Sammler verkauft oder ist verlorengegangen. Das ist ein Jammer, weil "DINO" einer der schönsten und interessantesten Strips aller Zeiten geworden wäre und wahrscheinlich schon 1934 eine Dinosaurier- oder Monsterwelle ausgelöst hätte, auf die wir unter den gegebenen Umständen bis 1954 ("Godzilla") bzw. 1993 ("Jurassic Park") warten mussten.
Verschiedene Indizien könnten darauf hindeuten, dass die Strips als Werbematerial für Sinclair Oil gedacht waren: Die Firma etablierte zu dieser Zeit mit riesigem Publicity-Aufwand ein Dinosaurier-Maskottchen und stattete ihre Tankstellen mit lebensgroßen Dinosaurierfiguren aus.
Es wäre auch denkbar, dass McCay plante, den DINO-Charakter aus dem Strip systematisch kommerziell zu verwerten, z.B. als Radio-Show oder als Merchandising-Figuren. Solange kein neues Material auftaucht, können wir die Frage aber nicht endgültig beantworten.

Warum haben Sie die wenigen erhaltenen Strip-Fragmente in Zusammenarbeit mit Roger Langridge zu ganzen Seiten ergänzt?
Was wir noch haben, sind vier orginale halbe Seiten von McCay (von ursprünglich zehn oder zwölf) sowie viele Zitate aus heute verlorenen McCay-Seiten, die sein Sohn Robert 1937 in einem eigenen Comic Strip verwertet hat.
Wenn man sich mit diesen Fragmenten genauer befasst, wird relativ klar, was ursprünglich vorhanden gewesen seinund wie die Story ausgesehen haben muss. Ich hatte nun zwei Möglichkeiten: entweder alle vorhandenen Fragmente an die entsprechende Stelle in der story zu setzen und die Lücken leerzulassen. Das wäre die "wissenschaftlich korrekte" Vorgehensweise gewesen, aber es hätte schrecklich ausgesehen. Ich habe mich daher für die zweite Option entscheiden, nämlich die Fragmente zu verbinden und die Lücken zu füllen. Roger bekam von mir detaillierte Anweisungen und ein grobes Layout und ich finde, das Resultat ist wirklich gelungen. Was in den verlorenen Teilen inhaltlich geschehen sein muss, war klar. Spekulativ ist zwar die grafische Anordnung der Fragmente, aber alle verwendeten Dinosaurier, Gebäude, Züge, Brücken, usw., basieren auf originalem McCay-Material.

Es sind nur Fragmente der Strips erhalten, dennoch wird im Buch ein großer Bogen geschlagen, Filme wie "Ghostbusters II" (1989) und "Godzilla" (1998) finden Erwähnung sowie die fortwährende Zerstörung New Yorks gerade im Film. Bedeutet der Strip da einen Anfang oder ist er mehr Teil einer damals schon vorhandenen Erzähltradition bzw. eines Genres?
Einerseits war McCay natürlich Teil einer Tradition, andererseits hat er aber so viel Neues eingeführt, dass man ihn einen der bedeutendsten Pioniere des Dinosaurier-Comics und des Monsterfilms nennen muss.
Das Interesse an Dinosauriern begann in den USA 1868 mit der Aufstellung des weltweit ersten Skeletts in Philadelphia, flaute dann aber wieder ab. Erst 1905 begann dann ein regelrechtes Saurier-Fieber, als in New York ein riesiges Skelett enthüllt wurde. McCay war dabei und arbeitete eben dieses Skelett in seinen ersten Saurier-Comic-Strip ein. Später verwendete er es als Modell für seine animierte "Gertie" (1914). Bis zu seinem Tod produzierte McCay Dutzende hervorragender Comic Strips und Editorial Cartoons zum Thema Dinosaurier und sorgte so dafür, dass die Dinosaurier im Bewusstsein des Publikums blieben.
Was nur wenige wissen: McCay ist der Erfinder des Monsterfilms, genauer gesagt, des Riesenmonsters, das eine Stadt in Schutt und Asche legt. Sein Film "The Pet" von 1921 ist der weltweit erste Film zu diesem Thema, und bis heute einer der besten. Da hat er Vieles vorweggenommen, was dann Standard und durch andere Filme weltberühmt wurde. Kurioserweise kennen viele Filmhistoriker diesen Meilenstein überhaupt nicht. Auch zur Entstehungszeit wurde der Film nur ein paar Mal aufgeführt, um dann in der Versenkung zu verschwinden. McCay hat den Monsterfilm erfunden, zwölf Jahre vor "King Kong" und 33 Jahre vor "Godzilla"! Zahllose Bildmotive, von denen jeder Riesenmonsterfilm lebt, finden sich erstmals bei McCay, sei es nun in "The Pet" oder in seinen Comic Strips. Und praktisch jede Szene aus "King Kong" wurde schon von McCay vorweggenommen. Das habe ich versucht zu zeigen.

Warum ein so umfangreicher, großformatiger Band? Hätte es aus comic-historischer Sicht nicht auch ein weniger aufwändiges Buch getan?
Das große Format ist rein technisch bedingt. Ich bilde viele ganze Zeitungsseiten ab, die bei einer Verkleinerung auf Din A4 total untergehen würden. Den Text könnte man sowieso nicht mehr lesen und die optische Wirkung wäre auch dahin. Und selbst im jetzigen Riesenformat haben die Zeitungsseiten nicht mehr als 40% ihrer Originalgröße; gerade noch akzeptabel.

Was überwiegt bei Ihnen: Das Erstaunen über die Linien, die sich von "DINO" aus ziehen lassen und die Einflüsse, die man dorthin zurückverfolgen kann oder der Schmerz, dass nur noch Teile eines möglichen weiteren Klassikers vorliegen?
McCay hat mit diesem bislang unbekannten Meisterwerk wieder einmal bewiesen, dass er einer der größten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts war. Wir dachten, alles über McCay zu wissen, aber ein wichtiger Aspekt seines riesigen Schaffens war total übersehen worden: dass McCay DIE treibende Kraft hinter der Dinosaurierbegeisterung der Jahre zwischen 1905 und 1934 war, und welch riesigen Einfluss McCay auf die Gattung des Monsterfilms hatte, insbesondere auf "King Kong". Das hat kein Mensch geahnt, weil man einfach nicht mit dieser anderen Seite des Schöpfers von "Little Nemo" rechnete.
Natürlich ist es schade, dass so viel von "DINO" verlorenging. Aber vielleicht wird ja jemand durch das Buch aufmerksam und erinnert sich, dass bei ihm auf dem Dachboden noch ein paar Seiten herumliegen...

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Abbildungen © Fantagraphics – Merkl

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