"Die Geschichte des Bären" – Eine "Storia di Formazione"

Noch bis morgen Abend läuft in der Galerie kulturreich in Hamburg die Ausstellung zum frisch erschienenen "Die Geschichte des Bären", dem umfangreichen neuen Band von Stefano Ricci. Auf der Vernissage am 17. September hielt Anke Feuchtenberger eine Rede, die nicht nur in das Buch einführt, sondern auch den Menschen Stefano Ricci und dessen Arbeitsweise vorstellt. Mit der "schamanischen Handlung, die das erzählende Zeichnen (...) ist", benennt sie auch eine Parallele ihrer zu Riccis künstlerischer Herangehensweise. Überhaupt bietet sie hier einen interessanten Einblick in die Sicht einer Künstlerin (und Partner) auf den anderen.

Der avant-verlag war so freundlich, die Rede zur Verfügung zu stellen.

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Was kann man wohl erwarten, wenn man die Frau des Künstlers (und das bin ich in unserem kleinen Dorf) bittet, eine Rede zu halten zur Kunst ihres Mannes?
Wohl in jedem Fall Voreingenommenheit.
Oder brisante Details aus der ehelichen Intimsphäre, z.B. über Tipp-Ex-verkrustete Türklinken. Oder einen abgebrühten Verriss, denn das fast distanzlose Involviert-Sein in die künstlerischen Prozesse des Anderen offenbart immer auch einen Einblick in die Tricks und Selbstlügen. Oder das unkritische Schwärmen über das Materialhafte von Riccis Kunst.Was aber könnte einem Bilderzählwerk denn besseres passieren, als wenn eine es wiederholt anschaut, liest, übersetzt, korrigiert, sich darüber streitet, rätselt, beratschlagt und sich schlussendlich damit identifiziert?

Stefano Ricci begann "Die Geschichte des Bären" kurz nachdem er seine Heimat Italien verließ und nach Deutschland übersiedelte. Nur langsam, ein Prozess bis heute, kann ich nachvollziehen, was es bedeutet, sein Land und seine Sprache zu verlassen. Vielleicht sind die vielen schwarzen Löcher, Tunnel und Öffnungen in Riccis Bildwerk Metaphern für den Eingang in eine unbekannte, im wahrsten Sinne des Wortes heimatferne, unheimliche Welt? Sicher gibt es auf der anderen Seite des Tunnels auch Licht, Landschaft und Tiere.
Und man kann sich selbst neu erfinden auf dem unheimatlichen neuen Boden.
Aber man kann sich selbst nicht verlassen.
Wenn man nicht gerade ein Schamane ist.
Dazu später mehr.

Der Entwicklungsroman ist angeblich eine typisch deutsche Angelegenheit.
Ricci selber bezieht sich in seinem Erzählen auf "Pinocchio" von Collodi, der mit dem Untertitel "Geschichte einer Marionette" (Man könnte Marionette auch mit Hampelmann übersetzen.) seinen Entwicklungsroman zu einer Bambinata, einer Kinderei erklärt. Vielleicht weil er eigentlich richtige Kunst machen wollte. Wie viele Illustratoren eigentlich richtige Kunst machen wollen.

Diese formalistische Frage stellt sich Stefano Ricci nicht.Er wirft sich mit allem Hab und Gut und ohne ironische Distanz wie ein Kind in sein unnachahmliches Bilderwerk, so dass es scheint, als hätte er es erfunden.
Er nutzt für seine Storia di Formazione den Comic, der sich erst in letzter Zeit in Deutschland immer mehr an Erwachsene wendet und erzählt uns mit großer Dringlichkeit die Geschichte seiner eigenen Formazione.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit montiert er Bild und Erzählung übereinander in einer Intensität, die macht, dass wir, wenn wir ihm einmal in den Tunnel gefolgt sind, atemlos mit ihm laufen müssen.
Im Dunkeln dann entwickelt der Traum seine Montagetechnik.
Wir entern die schwarzen Löcher und kommen in einer Welt heraus, in der Wildschweine sich mit Menschen verständigen. In der die mediterranen Pinien bis in die ostvorpommerschen Sümpfe wachsen. In der über die Republik von Saló und über die Bodenreform in der DDR am Biertisch gesprochen wird als wären sie erst gestern missglückt. Landschaften werden zu Körpern, wir können in sie eintreten und hören das Rauschen der Blutbahn vermischt mit dem Geschrei der Wildgänse.

Schwer wiegen die schwarzen Sprechblasen in denen die Vorfahren Riccis,
Faschisten und andere, ganz normale Menschen, endlich ihre bislang verbotenen Geschichten erzählen müssen.
Wir müssen ihnen zuhören, einmal im Traum drin, müssen wir den Doppelcharakter, die Überlagerung, die Kontemporanität widersprüchlicher Botschaften aushalten.
Der hasenartige Sanitäter, das alter ego Riccis versucht das mit dem enthusiastischem Aufzählen von Tieren und Himmelserscheinungen, die er sieht, wenn er mit dem DB Regionalexpress jeden Tag durch Vorpommern zu seiner Arbeit zum Croce Rosso in Bologna fährt .

Wenn wir in den Himmel schauen, sehen wir das pigmentverschmierte Daktylogramm unseres Traumführers und das hilft uns vielleicht als Realitätsbeweis über die Zerreißprobe einer so unaushaltbaren Frage hinweg, der man sich nur im Schutz einer schamanischen Handlung, die das erzählende Zeichnen für mich und ebenso für Ricci ist, stellen kann:
Wer hatte letztendlich den Strick aus dem Haus geholt, mit dem die Partisanen aufgehängt wurden?

Mit Zärtlichkeit lenkt Stefano Ricci seine Hände in die eigene Vergangenheit und die seiner Familie. Er zerreibt in seinen Bildern Staub und Öl und erschafft eine Dämmerung, im grellen Licht, etwas zwischen Tag und Nacht, etwas zwischen, wie man im Italienischen sagt:
Cane e Lupo, einen Zustand zwischen Mensch und Tier, eine Welt im Gegenlicht, zu deren Erhellung auch die Taschenlampe, mit der die Bilder beleuchtet wurden bei ihrer Reproduktion, nicht beiträgt, in der selten das Gesicht zu erkennen ist , weil die Sonne so tief steht und die Schatten so lang sind wie der etruskische Schatten, ein Schutzfigürchen auf dem Arbeitstisch Riccis.

Der Sanitäterhase, wie auch Pinocchio, erscheint nun als ein solcher Protagonist zwischen den Welten, zwischen Puppe und Menschenkind, zwischen uralt und noch nicht geboren, der mit erstauntem Blick auf seine schwarzverkohlten Beine schaut, auf den eigenen gerade gestorbenen Großvater, scheinbar schmerzlos, als würde er auf seinen eigenen Schatten schauen und sich fragen, wo der endet.
Der Bär hingegen stellt sich keine Fragen.
Er ist eins mit seiner physischen Gestalt, die verletzt wurde und nur Schmerzen hat. Das setzt alle hilfreichen menschlichen und tierischen empathischen Energien in Bewegung. Am Anfang noch maskenhaft, flieht er in einen langen Tunnel des Schlafes und weiß dass er verändert daraus hervorgehen wird, als er, ganz er selbst.
Er ist präsent wie die Zeichnung Riccis an sich: kraftvoll, gerundet und warm.
Die Geschichte vom Bären ist mit großer Zuneigung zur Realität des Körpers an sich gezeichnet, als eine der Zustandsformen der organischen Welt über die man bei aller Tragik immer auch ein bisschen lachen muss.

Das will ich mal gegen alle permanenten Düsterkeitsvorhaltungen gesagt haben.

Ricci meinte, er hätte "Die Geschichte des Bären" gezeichnet, weil er wie Scheherezade, mit dem Erzählen, den Bären am Leben erhalten wollte. Dass der Bär dabei nicht zu einer Comicfigur verkocht, die man endlos in alle Richtungen zerren kann, sondern dass der Bär Zeitgenosse Doppelgänger ist, wird durch den Alltag bewiesen:
Am Tag als wir aufgeregt und froh endlich das fertige Buch in den Händen hielten, wurde in den Grenzgebieten Italiens erneut eine Bärin getötet, auch sie unter der alles vereinnahmenden liebenden Aufsicht von Naturschutzbehörden.
Das wirft den Zeichner zurück auf die andere Seite des Tunnels. Wo wir Erwachsene dann schon warten und mit dem Zeigefinger wackeln. Wir mussten doch schließlich alle einmal unser Land verlassen, zu dem wir nie wieder zurückkehren dürfen, obwohl es uns, ganz allein uns, gehört.

Eigentlich wollte ich Benjamins "Berliner Kindheit", auf die sich Ricci öfter bezieht, nicht erwähnen. Nun kann ich es nicht mehr zurücknehmen. Zumal auch ich eine Kindheit in Berlin hatte, in einem nun verschollenen Land und hier nun in aller Öffentlichkeit, als Frau des Künstlers sagen muss, dass mich der nächtliche Ritt durch den Tunnel, die Heimsuchung des Bären im besten Sinne verändert hat.

– Anke Feuchtenberger

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Dank an Anke Feuchtenberger, Johann Ulrich und Brigitte Helbling

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