Comics in St. Petersburg: Interview mit Dmitry Yakovlev

Seit 2007 findet in St. Petersburg jährlich das Comicfestival Boomfest statt. Dessen Gründer und Organisator Dmitry Yakovlev ist einer dieser Motoren, die eine Comic-Szene braucht, um in Gang zu kommen. Und wie er im Interview unten ausführt, gab und gibt es in Russland noch einige Aufbauarbeit zu leisten.

Bei vergangenen Ausgaben des Boomfests war es ihm immer wieder gelungen, eine bemerkenswerte Schar interationaler KünstlerInnen nach St. Petersburg zu locken. So waren hier unter anderem Ben Katchor, Henning Wagenbreth, Thomas Ott, Ulli Lust, Mawil, Atak, Marc Bell, Tom Gauld, Miguel Gallardo, Marc Boutavant und Émile Bravo für Ausstellungen, Workshops und Lesungen zu Gast.

Neben dem Festival betreibt Dmitry Yakovlev den Verlag Boomkniga, in dem einheimische und internationale Comics erscheinen. Eine Doppelrolle, wie sie nicht unüblich ist – Festivals in Helsinki und Posen treten ebenfalls zugleich als Verleger auf. Immer wieder hatte ich Dmitry in den vergangenen Jahren auf europäischen Festivals getroffen, auf denen er sich über das aktuelle Geschehen informierte und die Planungen für kommende Festivals vorantrieb. Ich freue mich, hier ein Gespräch mit ihm wiedergeben zu können, in dem einen Einblick gibt in das Festival sowie Comics in Russland und St.Petersburg.

Du hast viele Comicfestivals in Europa besucht und Comics aus Russland bei vielen Gelegenheiten präsentiert. Kannst Du mir ein wenig von ihren Eindrücken im Ausland erzählen? Was fällt Dir dort auf Festivals zum Beispiel besonders auf?
Mein erstes Comicfestival im Ausland war in Angoulême 2006, ich war dort allein und es war meine erste große Reise. Und für mich war es ein enormer Schock: Es war das erste Mal, dass ich so viele Comics, Leser, Verleger, Künstler und natürlich Ausstellungen gesehen habe. Danach war ich mir sicher, dass wir so ein Festival in St. Petersburg brauchen und darüber hinaus, dass ich eine Ausstellung in Angoulême machen müsse. Letzteres geschah dann auch 2010 als Teil des französisch-russischen Kulturjahres.
Danach war ich noch einige Male in Angoulême und auch in der Ukraine, in Helsinki, Haarlem, Lucca, Polen, Stockholm und beim Fumetto in Luzern. Es ist fantastisch zu sehen, dass so viele Leute für die Festivals arbeiten und sie besuchen – es ist wie eine große Familie.

Ich muss zugeben, dass ich nicht viel über russische Comics wusste, bevor wir uns kennen lernten. Und auch jetzt kratze ich da wahrscheinlich nur an der Oberfläche. Wie war der Stand der Dinge, als Du mit dem Boomfest und Boomkniga angefangen hast und welche Ideen steckten dahinter?
2007 gab es ein Festival in Moskau, welches 2002 gegründet wurde. Ich besuchte das Festival seit 2004 und lernte dort eine Menge Leute kennen, russische und ausländische Künstler. Damals gab es noch keine Comics in den Buchläden, vielleicht einige Marvel-Hefte und Manga, aber das war alles.
Als wir mit dem Festival begannen, wollten wir erst einmal nur das machen: Einige Ausstellungen und ein Wochenende mit Gästen. Uns wurde klar, dass Superhelden und populärer Manga uns nicht interessierten, was wir im folgenden Jahr weiter herausstellten. Zugleich wollten wir eine Verbindungslinie zur Illustration ziehen, weswegen wir seitdem pro Jahr mindestens ein Illustrationsprojekt im Programm haben, das aber wiederum narrativ ist oder einen Bezug zum Comic hat.
Boomkniga wurde dann 2008 gegründet. Uns war klar geworden, dass wir nun zwar ein Independent-Festival hatten, aber keine Independent-Comics. So beganngen wir mit einem Fanzine, worauf dann einige Jahre später die ersten Übersetzungen folgten. Im letzten Jahr haben wir so zehn Bücher veröffentlicht und ich hoffe, dass das in diesem Jahr auch wieder so sein wird.

Hattest Du schon Erfahrung darin, ein Festival und einen Verlag zu leiten?
Ich lebe seite 2001 in St. Petersburg und mein zweiter Job war in einem Buchladen. Bis 2005 arbeitete ich in verschiedenen Läden und begann nebenher noch für einen Kleinverlag, der Kinder- und Jugendbücher verlegte, zu arbeiten – Samokat. Dort habe alles gemacht: Vertrieb, Rechte, Druckkoordination, Fundraising, PR, Schleppen, usw. All das hat mir enorm für meine spätere Arbeit geholfen.

Merkst Du, dass das Boomfest etwas bewirkt hat in Russland? Fühlen sich Comic-Macher von den internationalen Gästen inspiriert und ermutigt, sich durch Comics auszudrücken?
Ja, ich kenne einige Künstler, die durch das Boomfest anfingen. Und ich denke, dass es sehr wichtig für die Leute und gerade junge Künstler ist, mitzubekommen, dass es noch eine andere Comicwelt da draußen in der Welt gibt. Viele denken, dass Comics nur Teil der amerikanischen Kultur sind, wenn man jetzt nur an Superhelden denkt. Zugleich ist es für mich ebenfalls besonders wichtig, dass die ausländischen Künstler hierherkommen, sich treffen und etwas anstoßen.

Nun startet im September die neunte Ausgabe des Festivals. Was ist in diesem Jahr geplant?
Wir werden unsere Zusammenarbeit mit dem Fumetto fortsetzen und eine “Pas de deux”-Ausstellung zeigen. Das Projekt begann letztes Jahr auf dem Boomfest, eine Kollaboration zwischen Künstlern aus der Schweiz und Russland. Dann wird es Ausstellungen mit Arbeiten von Katja Tukiainen und Matti Hagelberg aus Finnland, Dominique Goblet und Kai Pfeiffer aus Frankreich und Deutschland, Gabrielle Bell aus den USA und einige Ausstellungen mit russischen KünstlerInnen geben. Zu letzteren wird eine Ausstellung von Comics russischer Emigranten wie Masha Krasnova-Shabaeva, Olesya Shchukina, Roman Muradov oder Edik Katykhin gehören. Dann gibt es wie in jedem Jahr einen Wettbewerb, dessen beste Beiträge wir zeigen. Thema dieses Jahr ist “Ausweg”. Das Festival findet wie jedes Jahr am letzten Wochenende im September statt, Ausstellungen werden von ab dem 17. September gezeigt und bis zum 11. Oktober zu sehen sein. Wie immer werden Künstler, deren Arbeiten übersetzt wurden, eingeladen, in diesem Jahr Emmanuel Guibert und Isabelle Arsenault.

Geld ist natürlich immer ein Problem. Wie stellt man so ein Festival auf die Beine? Gibt es kommerzielle Sponsoren, Kulturinstitute, die helfen?
Wir arbeiten mit vielen Kulturinstitutionen zusammen. Das erste ist das Kulturkommittee von St. Petersburg, dass unser Festival von Anfang an unterstützt hat (was mich wundert). Die staatlichen Kultureinrichtungen verschiedener Länder (Finnland, Holland, Deutschland, Litauen, Estland, Norwegen, USA) sowie weitere Kultureinrichtungen wie das Institut Francais, das Goethe Institut, ProHelvetia, Wallonie-Bruxelles International, die Mondrian-Foundation, Kulturradet, Norla, FILI und das Finland Institut in St. Petersburg haben uns immer wieder unsterstützt.
Kommerzielle Sponsoren sind problematisch: Russische Firmen oder russische Ableger internationaler Firmen dürfen uns gewissermaßen nur durch Handel unterstützen, also durch deren Produkte, Preisnachlässe, etc. 2011 bis 2013 hatten wir mit Moomin Characters einen Sponsor aus Finnland, die ein eigenes Programm für Kulturveranstaltungen außerhalb Finnlands haben.

Normalerweise sind ein Verlag und ein Festival voneinander getrennte Dinge. Dass ein Festival nun auch Verleger ist, kann man als problematisch bezeichnen. Was denkst Du darüber?
Das sehe ich auch so. Vor ungefähr zwei Jahren wurde mir das Problem bewusst. Man will immer Künstler aus dem eigenen Haus einladen. Aber gleichzeitig gibt es einfach nicht viele Künstler, die in Russland verlegt werden und die für das Konzept des Boomfests interessant sein könnten.

Zum Zeichenstil und den Inhalten: Denkst Du, dass es eine bestimmte russische Sensibilität im Comic gibt? Könntest Du sie beschreiben? Ich weiss, dass die Frage vielleicht etwas vage ist, aber die Comics, die ich bisher gesehen habe, hatten eine bestimmte Anmutung, die mir auffiel.
Das ist eine schwere Frage. Ich denke, wenn man Comics macht ,ist es wichtig einige Lese-Erfahrung mitzubringen. Das war hier lange Zeit sehr schwer und auch schon zu Zeiten der Sowjetunion so. Viele Künstler, die Ende der 1980er aufwuchsen erzählen vom französischen Magazin PIF, das man in der Sowjetunion finden konnte und für viele eine Tür zum Comic darstellte. Dahinter konnten sich dann weitere öffnen. Zum Beispiel gab es dann Anfang der 90er das Studio KOM in Moskau, das eine Kollaboration mit Galago in Schweden betrieb. Wenn man die Arbeiten nebeneinander legt sieht man sofort, wie unterschiedlich die Stile waren. Die Generation, die nach 2000 groß wurde, las mehr Manga und Superhelden-Comics, weswegen auch mehr solche Comics entstehen. Und dann gibt es noch diejeningen Künstler, die sich mehr von der Illustration beeinflussen lassen, wobei viele Probleme haben, Comics zu machen.

Siehst Du eine Veränderung der Verlagslandschaft, so dass nicht einzig Manga und Superhelden weiträumig erhältlich sind?
Ich denke, die Situation wird sich sehr bald verändern, wenn es auch mehr Mainstream-Zeug gibt. Ich warte sehr darauf. Zugleich gibt es kleine Künstlergruppen, die damit beginnen, ihre Arbeiten selbst zu drucken – Sticker, Poster, Postkarten, aber auch Fanzines. Das mag noch nicht allzu viel sein, aber es ist da und entwickelt sich.

Ich hadere mit dem richtigen Zugang, um über Politik zu reden, das, was in Russland derzeit vor sich geht und wie es möglicherweise das Festival und den Verlag betrifft. Ganz allgemein gefragt: Merkst Du, wie sich die Politik auf Deine Arbeit auswirkt?
Sicher gibt es Auswirkungen. Zum Beispiel das Festival betreffend: Wir hatten eine nichtstaatliche Partnerorganisation, die uns unterstützte, jetzt aber geschlossen wurde, weil die Regierung beschlossen hat, dass sie “Ausländische Agenten” sind. Das zweite sind ökonomische Probleme, die mit den Sanktionen und Gegensanktionen begannen. Flüge kosten zum Beispiel viel mehr als zuvor.
Wir hatten aber nie eine Situation, in der ein Künstler oder sonstige Gäste unsere Einladung nicht angenommen hat

Glaubst Du, dass Comics mit ihren starken Bildern eine gewisse subversive Kraft haben? Ich denke da beispielsweise an die Illustrationen, die Teil der "Pas de deux"-Kollaboration waren, die am Fumetto gezeigt wurden: Zeichnungen aus einem Nachclub für lesbische Frauen. In einem Land, das so strikt mit "homosexueller Propaganda" ist, scheint das recht riskant.
Ja, das sehe ich so: Bilder sind stärker als Worte. Im Mai hatten wir eine wirklich blöde Situation mit Art Spiegelmans "Maus". Viele große Buchläden in Moskau verkauften dies Buch und noch einige andere nur noch unter dem Ladentisch wegen der Mai-Feierlichkeiten [zum Sieg im 2. Weltkrieg. Anm.d.Red.].
Die Zeichnungen aus dem Nachtclub sind ein Projekt von Wiktoria Lomasko. Sie arbeitet gerne mit diesen sozialen Themen und wird dafür manchmal bedroht, aber sie arbeitet weiter.

Abschließende Frage: Was würdest Du sagen sind Deine Ziele mit dem Festival und dem Verlag und was sind Deine Wünsche für die nähere Zukunft?
Zunächst einmal möchte ich das Boomfest 2015 organisieren.
In der Zukunft würden mich mehr Orte wie Gallerien und Ausstellungsräume in St. Petersburg, die Comics zeigen und am Boomfest teilnehmen wollen, freuen. Dann auch Shops, die etwas mit Comics machen wollen. Und natürlich würde ich mich freuen, hier mehr independent Comics und mehr Comics aus Russland zu sehen.

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Seinen gemeinsamen Besuch mit Zeicher und Verleger Jimmy Beaulieu beim ersten Boomfest hat Philippe Girard im Comic "Ruts & Gullies – Nine Days in Saint Petersburg" festgehalten, das beim kanadischen Verlag Conundrum Press erschienen ist.
Arte berichtete 2010 über "Comic: Russland - Die junge Generation".
Strapazin #118 zeigte erste Ergebnisse der "Pas de deux"-Kollaborationen.
Fotos von vergangenen Ausgaben des Boomfests finden sich auf facebook. Vielen Dank für die Erlaubnis, mich hier zu bedienen.

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