Comicförderung in Deutschland – Interview mit Els Aerts

Es sind schreckliche Nachrichten, die uns heute aus Brüssel erreichen. Zeichnerinnen und Zeichner geben ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, ihrer Solidarität und ihrem Willen, sich nicht einer Terrorlogik zu unterwerfen, bereits vielfach Ausdruck (Galerien hier und hier). Letzteres war mir heute auch sonnenklar: Ich will dabei gar nicht wiederholen, was ich nach den Anschlägen in Paris Anfang 2015 schrieb. Als die ersten Nachrichten aus den Brüssel gemeldet wurden, war ich gerade dabei, für die erste Aprilhälfte eine Rundreise nach Paris, Brüssel und Amsterdam zu planen – und an eine Absage oder Verschiebung verschwende ich jetzt keinen Gedanken. Keine einzigen.

Vor einigen Wochen erreichte mich die Anfrage, mich um eine Ausstellung zu kümmern, die auf dem Comic-Salon Erlangen gezeigt werden soll. Es geht um Künstler aus Flandern und den Niederlanden, deren Originale ich nun in rund zwei Wochen einsammeln werde. Gefragt wurde ich von Els Aerts, der Leiterin des Unterstützungsprogramms für Comics beim Flämischen Literaturfonds VfL, der ich bereits im Januar Fragen zu den diesjährigen Plänen zum Gastlandjahr geschickt hatte. Gemeinsam mit den Niederlanden ist der niederländischsprachige Teil Belgiens Gastregion der Frankfurter Buchmesse und, ähnlich wie Finnland 2014, sollen hier Comics im besonderen Fokus stehen. Wie die Ausstellung und weitere Pläne für den Comic-Salon zeigen, aber nicht nur dort.

Die Antworten erreichten mich nun vor ein paar Tagen und ich denke, dass es heute sehr angemessen ist, aus dieser Perspektive auf die bunte, aktive, lebensfrohe Comic-Szene Flanderns zu blicken.

Der VfL unterstützt Übertragungen von Comics in fremde Sprachen, wovon bereits einige deutsche Verlage profitierten. Und auch Künstler werden auf vielerlei Arten direkt gefördert. Das Engagement der Flamen in Sachen Comic kann neidisch machen und zeigt vorbillich, wie sich Förderinstitutionen ganz selbstverständlich dem Comic annehmen können.

Zunächst ein Wort über Dich, beziehungsweise dem Vlaams Fonds voor de Letteren (Flämischer Literaturfonds, VfL). Gefördert werden flämische Künstler im Ausland durch Druck-, Übersetzungs- und Reisekostenzuschüsse, zudem werden Ausstellungen unterstützt. Habe ich etwas vergessen?
Das ist soweit richtig, aber das Kerngeschäft unserer Auslandsförderung ist das Netzwerk internationaler Verlage. Um aktiv flämische Literatur zu fördern organisieren meine Kollegen und ich Treffen auf internationalen Buchmessen und Festivals. Unsere Arbeit entspricht mehr oder weniger dem von Agenten: Wir versuchen Verlage im Ausland dazu zu bringen, Literatur aus Flandern zu übersetzen. Der Unterschied ist, dass wir keine Prozente bekommen und bei der literarischen und künstlerischen Qualität, dem Hauptkriterium bei unseren Zuwendungen, zur Ehrlichkeit verpflichtet sind. Wir mischen uns nicht in Vertragsverhandlungen ein und sind vielmehr Vermittler zwischen den ausländischen Verlagen und den Rechteinhabern.

Von deutscher Perspektive ist die Bedeutung, die dem Kulturexport in Flandern beigemessen wird, bemerkenswert. Mich erinnert das auch an Finnland und dem, was seitens der Finnen vor zwei Jahren in Deutschland organisiert wurde. Sind die Comic-bezogenen Aktivitäten des VfL nur ein Aspekt unter vielen oder stechen sie hervor?
Ich bin ein wenig stolz auf den Umstand, dass der Flämische Literaturfonds Illustratoren und Comic-Künstler genau so behandelt wie Schreiber und das von Anfang an im Jahr 2000. Das ist für eine Literatureinrichtung nicht selbstverständlich.
Die Förderung vor allem von Graphic Novels im Ausland begann im Oktober 2006, als ich beim VfL zu arbeiten begann. Bis dahin hatte sich nur ein italienischer Verlag auf eine Übersetzungsförderung beworben, also wussten wir, dass es da noch viel zu tun gab.
Weil sich in den Comics nicht so viel Text findet, richteten wir eine „Förderung für illustrierte Bücher“ ein, eine Kombination aus Produktions- und Übersetzungskostenzuschuss. Nur wie sollte sich jemand für so eine Förderung bewerben, wenn nur wenige wussten, dass es in Belgien neben französischsprachigen auch flämische Comics gibt? Daher fuhr ich mit einem Koffer voller Bücher nach Angoulême – ich erinnere mich, dass darunter die Debuts von Olivier Schrauwen und Judith Vanistendael waren. Mit viel Geduld musste ich hundertfach erklären, was Flandern ist und vor allem französische Verlage von den Qualitäten unserer Comic-Künstler überzeugen.
Durch etwas Prahlerei gelang es uns, 2009 Ehrengast in Angoulême zu werden, was sich als Wendepunkt herausstellte. 20 Comic-Künstler aus Flandern stellten in der „Ceci n’est pas la BD flamande“–Ausstellung ihre Welten aus und plötzlich wusste man nicht nur in Frankreich sondern quasi weltweit, was Comics aus Flandern sind – oder was sie auch nicht sind. Der Rest ist Geschichte: Bis heute erschienen über 100 Übersetzungen von Comics mit unserer Hilfe.

Als ich davon erfuhr, was für dieses Jahr in Deutschland geplant ist, fiel mir besonders das Wort „Experience“, also „Erlebnis“ auf. Mir scheint, als wolltet ihr ganz ausdrücklich die „Ausstellung plus Autorengespräch“-Routine vermeiden, auch wenn es sicherlich mal zu dieser Kombination kommen wird.
Das stimmt, wir suchen andauernd nach interessanten Wegen, unsere Literatur zu präsentieren. Nicht nur im Gastland-Jahr, sondern allgemein. In Angoulême haben wir inzwischen drei Ausstellungen organisiert und alle waren recht gewagt, wenn man so will. Wir zeigten dort weniger Originale an der Wand als vielmehr Künstlerwelten – mehr Kunst- als Comic-Ausstellungen – und inszenierten ein Erlebnis, in dem Besucher beispielsweise die Welt von „Kinky & Cosy“, den Zwillingscharakteren von Nix, betreten konnten. Diese Installation wird übrigens auch in Erlangen zu sehen sein und hoffentlich auch in Frankfurt, wobei das noch nicht feststeht.
Bart Moyaert, selbst bekannter Autor aus Flandern, ist der künsterische Leiter des Flämisch-Niederländischen Gastlandauftritts, und er denkt dauernd darüber nach, wie man die Leute überraschen kann. Wir haben starke Inhalte, von denen wir schon mal überzeugt sind. Aber Bart will auch eine außergewöhnliche Präsentationen. Das bedeutet: Keine Wasserglaslesungen, sondern Events, die Literatur mit Musik, Virtual Reality, bildender Kunst und so weiter, kombinieren.
Comics und Illustrationen werden auf dynamische und interaktive Weisen präsentiert. Im Herzen des Pavillons in Frankfurt wird ein Atelier eingerichtet, in dem nicht nur Künstler arbeiten werden, sondern auch zwei Chefredakteure und ein Druck-Team. An Ort und Stelle wird ein tägliches „Parade“-Magazin erstellt. Dieses Atelier wird in Erlangen in einer Art Vorpremiere zu sehen sein, gemeinsam mit einer Ausstellung. Auf all das freue ich mich schon sehr.

Die Künstler, die dabei teilnehmen sollen, werden eher der Independent- oder Alternativ-Szene zugerechnet. Werden sie daheim auch so wahrgenommen? Ich könnte auch fragen: Wo bleibt der Mainstream?
Tja, der Flämische Literaturfonds ist eine staatliche Einrichtung, die den Auftrag hat, den Markt zu korrigieren. Daher unterstützen wir Hochliteratur, auf Comics umgemünzt landet man da schnell bei der alternativen Szene oder „Graphic Novels“.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Partnern aus den Niederlanden aus? Die diesjährigen Aktivitäten entstehen ja in Zusammenarbeit.
Der Niederländische Literaturfonds (Nederlands Letterenfonds) und der Flämische Literaturfonds arbeiten eng zusammen, da wir die Sprache und den selben Markt teilen. Dass beide Regionen gemeinsam Ehrengast in Frankfurt sind, liegt da sehr nahe, Und viele flämische Autoren werden von niederländischen Häusern verlegt, um nur einen weiteren Grund zu nennen. Wir betreuen mit unseren niederländischen Kollegen auch eine gemeinsame Übersetzungsdatenbank und pflegen eine Liste mit anerkannten Übersetzern in anderen Sprachen. In Angoulême teilen wir darüber hinaus einen Stand im Rechtezelt miteinander.
Bei unserer Arbeit gibt es im Comic-Bereich gegenüber anderen Genres gewisse Unterschiede. Die niederländischen Kollegen haben nicht einen solchen Comic-Schwerpunkt wie wir: Comic-Autoren können zum Beispiel bei uns Unterstützung für die Arbeit an neuen Werken beantragen, wie bei einem Literaturstipendium. In den Niederlanden geht das nur bei Institutionen, die die Kreativwirtschaft fördert, was dann einer ganz anderen Logik folgt. Unterschiede gibt es auch bei der Auslandsförderung: Wir haben damit 2006 begonnen, die Niederlande vor drei Jahren. Wahrscheinlich liegt es daran, dass in diesem Jahr zehn Comics aus Flandern ins Deutsche übertragen werden, aber nur drei aus den Niederlanden. Bei allen anderen literarischen Genres ist es genau umgekehrt.

Was ist Ihnen in den Jahren, die Sie nun für den VfL Comics im Ausland unterstützen, besonders aufgefallen, worauf die Leute besonders reagieren? Mir kommt da ein spezieller Humor in den Sinn, der oft zugleich harsch und harmlos, clever und albern ist.
Da gebe ich Dir total recht: Offenbar haben Flamen einen speziellen Humor. „Düster“ ist ein Wort, das ich regelmäßig höre, und ich stelle fest, dass der in den nordischen Ländern besonders gut ankommt. Unsere Comic-Autoren werden aber auch für ihre individuellen Zeichenstile gelobt. Daher haben wir unsere Ausstellung 2009 auch „Ceci n’est pas la BD flamande“ genannt: Hier wird nicht kopiert, es gibt keine Schulen, keine Regeln außer der, dass man seinen eigenen Stil finden muss. Sieh Dir nur die farbenfrohen Arbeiten von Brecht Evens und Brecht Vandenbroucke an, oder das Erzähltalent von Judith Vanistendael oder Simon Spruyt, die „langsamen Comics“ von Ben Gijsemans oder experimentelle Ansätze bei Olivier Schrauwen. Ich könnte noch viele mehr nennen.
Unsere Hochschulen spielen hier eine wichtige Rolle: Kunstschulen haben den Comic mit offenen Armen empfangen. Junge Talente werden von Professionellen unterrichtet: Verleger wie Johan Stuyck von Oogachtend oder Künstler wie Brecht Evens und Ephameron.

Zum Abschluss natürlich die erwartbare Frage: Worauf freust Du Dich besonders in diesme Jahr? Oder lass mich das variieren: Worauf freust Du Dich besonders, abgesehen von der Vorbereitung der Aktivitäten des VfL in Deutschland selbst?
Erlangen, ganz ohne Zweifel. Ich war noch nie dort und habe bereits so viel Gutes über das Festival gehört. Wir werden dort mit nicht weniger als acht Künstlern aus den Niederlanden und Flandern präsent sein, darunter Olivier Schrauwen, Simon Spruyt, Ben Gijsemans und Guido van Driel, und Vieles auf die Beine stellen, wobei des „Parade“-Atelier das Herzstück sein wird. Ich freue mich darauf, dem beiwohnen zu können und dafür zu sorgen, dass alle zeitig aus dem Bett kommen – bei Bedarf kann ich eine fantastische Schwiegermutter sein –, aber auch dafür, dass alle eine gute Zeit haben. Ich bin mir sicher, dass ich sie haben werde!

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Abbildungen: © Simon Spruyt, © Brecht Evens, © Nix, © Brecht Vandenbroucke, © Olivier Schrauwen

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