Berliac: Neo-Gekiga in Berlin

Der aus Buenos Aires stammende Berliac ist bisher nur Eingeweihten bekannt, die sich mit der internationalen Independent-Comic-Szene befassen. Auch wenn er sich im Gespräch mürrisch gibt, seine Produktivität und überhaupt seine Comics, sprechen sehr dafür, dass sich das in näherer Zukunft ändern könnte. Es sind dutzende Anthologiebeiträge, eine Vielzahl von Webcomics und Zines sowie acht Bücher, die er seit 2006 bei internationalen Verlagen und Kollektiven veröffentlicht hat. Gleich drei Ausstellungen widmeten sich seinen Arbeiten im vergangenen Jahr – allein in Deutschland. Derzeit erscheinen seine Comics auch auf vice.com und laufend legt er neue Hefte vor oder arbeitet an neuen Büchern.

Bis vor einigen Jahren prägten Stilmerkmale Berliacs Geschichten, die man auch von anderen VertreterInnen des Kunstcomics kannte: Eine größere Trennung von Bild- und Textelementen sowie eine Betonung des Illustrativen durch die hohe symbolische Aufladung der Bilder und ihre Umsetzung in Zeichnungen, deren Linien zum ausfransen und verschmieren neigten. Es wäre nun nicht falsch, Berliac heute als Mangaka zu bezeichnen: Die Spuren früherer Arbeiten finden sich in seinen neuen, mit klarem und japanisch geschultem Strich umgesetzten, Geschichten höchstens in der Art, wie die Geschichten erzählt werden. Klassische Dramenstruktur wird hier zu Gunsten offeneren Erzählweisen aufgegeben, die auch ohne erwartbare Höhepunkte auskommen. Dabei lehnt er weniger in die Richtung überdrehter Shōnen- oder Shōjo-Mangas, die oftmals fälschlicherweise für Manga allgemein gehalten werden, sondern orientiert sich an realistischen Erzählern wie Yoshihiro Tatsumi. Nicht umsonst bezeichnet er seine Arbeiten auch als "Neo-Gekiga".

Seit einiger Zeit wohnt Berliac in Berlin, hier lernte ich ihn vor einige Zeit bei einem Treffen von Berliner Comic-Aktivisten kennen und freue mich nun, dieses Gespräch mit ihm veröffentlichen zu können. In Zukunft sollen hier Gespräche mit weiteren in Deutschland lebenden Zeichnerinnen und Zeichnern aus dem Ausland folgen. Nicht zuletzt wird die eigene Szene von neu hinzugekommenen aus einer erfrischenden Perspektive betrachtet.

Was brachte Dich auf die Idee, nach Berlin zu ziehen? Der Ruf der Stadt als erschwinglicher kultureller Hotspot?
Nein, nicht wirklich. Ich würde sagen, dass es eine Reihe von Unfällen war.

Gab es Erwartungen? Wurden sie soweit erfüllt?
Als hikikomori braucht ich nicht wirklich mehr als einen Raum mit Internet und einen Schreibtisch, an dem ich arbeiten kann, ohne gestört zu werden. Im uncoolen Moabit zu wohnen hilft dabei sehr. Trotzdem habe ich hier viele neue Freunde gefunden. Wie ist das passiert? Erstaunlich.

Wenn man sich die Liste Deiner Veröffentlichungen und Ausstellungen ansieht – ist es überhaupt von Belang, wo Du lebst? Verstehst Du Dich mehr als ein Teil einer internationalen anstatt einer lokalen unabhängigen Comic-Szene?
Ich bin Redakteur von pariascomix.tumblr.com, einer Seite für Webcomics von lateinamerikanischen AutorInnen. Manchmal organisiere ich Veranstaltungen unter diesem Banner, wie die Ausstellungen bei der letzten Comic Invasion Berlin und dem Comicfestival Hamburg. Wir arbeiten da aber nicht als Gruppe oder fühlen uns als Teil einer lokalen Szene. Daher der Name: "Parias", die Ausgestoßenen. Diese "randständige" Identität macht aber nur Sinn, wenn, wie in einigen südamerikanischen Ländern wie Argentinien, es Menschen gibt – Künstler, Verleger, Kritiker –, die aktiv versuchen, einen Kanon zu etablieren, manchmal mit anachronistischen propagandistischen Mitteln (wenn sie sich zum Beispiel "Nueva Historieta Argentina", also Neue Argentinische Comics) nennen. Ich sage: Scheiß drauf. Meine Reaktion darauf war eine Auswahl von hochtalentierten Außenseitern (also Ausgeschlossenen oder in meinem Fall solche, die nicht dazu gehören wollten) zusammenzubringen und mit ihnen zu arbeiten, unabhängig von diesem Kanon, den andere nur aufstellen um ihre Talentlosigkeit zu kompensieren. Was Berlin betrifft kann ich hier auch klar definierte Ghettos beobachten, die sich nur selten mischen. Auf der einen Seite gibt es die hippen, anti-Plot, visuellen Comics; auf der anderen die queer-punk Zinester die gegen den Begriff "Graphic Novel" sind; und dann die Medienlieblinge: Die Graphic Novelisten, die sich mit "ernsten Themen" und so weiter befassen.

Einerseits ist es toll, dass von denen keiner vorgibt DEN wahren deutschen Comic der Öffentlichkeit verkaufen zu wollen, aber irgendwie nervt es mich, dass in diesen Ghettos das Marktstrategien-Spielchen gespielt und ganz bewusst aus und für spezifische Nischen gearbeitet wird. Das zeigt sich deutlich bei Veranstaltungen mit Comic-Bezug: Bei den letzen beiden Zinefests Berlin saß kein "Graphic Novelist" hinter einem Tisch (es ist nicht "ihr Ort"). Wenn es irgendwo eine Ausstellung in einer Galerie wie dem Saalbau gibt, wird dort kein pornografischer, punkiger Cartoon hängen (es ist nicht "ihre Öffentlichkeit"). Und ein hipper Berliner Zeichner fährt lieber drei Stunden mit dem Zug, um an einem "gut kuratierten" Festival wie dem Millionaire´s Club teilzunehmen, weil er dort hinpasst. Versteh mich nicht falsch, wir wollen alle unsere Comics verkaufen, die nun ja auch Produkte sind, also würde ich das schon verstehen, wenn das das Ziel dieser Segmentierung wäre. Das tatsächliche Kapital ist im Comic jedoch sehr gering, da ist kaum Geld involviert. Meine Frage ist also: Warum nutzen Berliner ZeichnerInnen diesen geldlosen Zustand nicht, um diese alten Marketingregeln hinter sich zu lassen, sich mit anderen (Künstlern, Lesern) zusammenzuschließen und entscheiden sich stattdessen dafür, genau das Gegenteil zu machen?
Mir scheint dieser Gemeinschaftssinn in diesen Ghettos basiert auf einem symbolischen Kapital, im Speziellen wird eine tatsächliche Währung gegen andere Werte, die je nach Nische auf "Hipness", "Punkness" oder "Seriosität" basieren, eingetauscht. Das Geld ist nicht da, die kapitalistische Herangehensweise ist geblieben. Verrückt, oder? Daran sind nicht nur Künstler Schuld. Wie sehr befördern dies Verlage, Galerien und andere Institutionen wie das Goethe-Institut, die mit Comic-Künstlern zusammenarbeiten? Behandelt die Presse Comics horizontal oder schreiben sie mit diesen Kategorien im Hinterkopf, weil es so einfacher ist, Dinge zu labeln, anstatt sie wirklich zu verstehen?
Ich höre mich miesepetrig an, ich weiss, aber der Grund für meine kritische Einstellung ist, dass ich wirklich daran glaube, dass Comics eins der letzten Medien ist, in dem man außerhalb der kapitalistischen Produktionsstandards arbeiten und sie sogar unterwandern kann. Diese Nischen-orientierte, segmentierende Herangehensweise stellt diese Standards nur nach. Mir sind solche Räume wie die Comic Invasion sehr recht, da es eine Mischung aus Allem gibt, aber selbst in diesem Fall muss ich zugeben, dass mich das Level der Überschneidung unterschiedlicher Künstler und Verlage mit den Projekten des jeweils anderen eher enttäuscht hat. Vielleicht zeigt das, was ich sage, dass meine Art der Szenezugehörigkeit gleich auch die Kritik an ihr mit sich bringt.

Beeinflusst es Deine Arbeit, in Berlin zu leben?
Nach all dem, was ich gesagt habe, ist wohl klar, dass es für mich nicht wichtig ist, wie sehr mich ein Ort beeinflusst, sondern wie sehr ich ihn aktiv mitgestalten kann.

Dein Stil hat sich über die Jahre verändert, weg von dem, was man vielleicht "Kunstcomic" nennen könnte, hin zu Manga. Gibt Dir diese Verschiebung mehr Freiheit, Dich auf das Erzählen von Geschichten anstatt ihrer Athmosphäre zu konzentrieren?
Die Art von Freiheit, die ich suchte, geht noch etwas tiefer als das. Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen, von daher fühlten sich Manga und Anime wie natürliche Erzählformen an, in die ich hineinwuchs. Meine ersten Comics überhaupt, als ich acht oder neun war, waren Manga. Diese "Verschiebung", wie Du das nennst, ist mehr eine Rückkehr zu einem "Ursprungszustand". In "Seinen Crap #2" (siehe links) vergleiche ich in einem kurzen Essay, Manga zu machen mit einem Coming Out. Mir erschien das sehr ähnlich: Das neuerliche Treffen mit meinem früheren Selbst, bevor die westliche, männliche Comictradition meine Herangehensweise binär (Ost vs. West) prägte, was begann, sich als sehr unnatürlich anzufühlen. Diese Identitätskrise erreichte 2012 ihren Höhepunkt und ich beschloss, ein letztes Buch zu machen, um damit zurechtzukommen. "Playground" (Ediciones Valientes, Spanien, 2013; siehe oben) war nicht nur ein Kunst-Comic, sondern auch ein Essay über Kunst-Comics. Es war meine Art mit diesem Kapitel meiner Karriere abzuschließen. Darüber hinaus habe ich ganz bewusst meine Zukunft in der Kunst-Comic-Richtung untergraben, als ich dieses Buch machte, indem ich meine Methoden ganz offensichtlich ausstellte. Da ich so eine Formel etablierte, hätte ich mich, wenn ich weiter solche Comics machen wollte, zwangsläufig wiederholen und so tun müssen, als wäre es immer noch originell, was 90% der Kunst-Comic-Künstler machen (die Arbeiten der restlichen 10% sind Scheisse). Beim Manga geht es nun andererseits genau darum, sich nicht nur ständig mit sehr begrenzten, nicht-experimentellen Mitteln zu wiederholen, sonden auch auch andere zu kopieren und in einer Tradition aufzugehen, die das genaue Gegenteil vom Ego-getriebenen, westlichen Kult der Individualität ist.

Um Mangas zu machen muss man künstlerisch demütig sein, was – Du kannst das ja diesem Interview entnehmen – nicht wirklich meine Stärke ist. Und wenn es gut für mich als Künstler ist, dann ist es auch gut für mich als Person. Man könnte sagen, dass ich mit einer anderen Tradition hätte verschmelzen können, wie den amerikanischen Superhelden oder der meines eigenen Landes. Aber wie schon angedeutet sind sie viel zu Macho für meinen Geschmack. Ist Dir klar, dass die meisten prominenten einheimischen Mangaka in Deutschland weiblich sind? Christina Plaka, Anike Hage, Detta Zimmermann unter anderem. Die männliche Öffentlichkeit scheint grundsätzlich auf Manga nicht so angesprungen zu sein. Weil es ok ist, Manga zu lesen und zu machen, wenn du ein Kind bist, aber sobald du aufwächst, sobald das Geschlecht beginnt, in der sozialen Dynamik eine Rolle zu spielen, ist es peinlich für Jungs offen zuzugeben, dass sie Mangas mögen. Und je älter man wird, umso schlimmer wird es. Versteh mich nicht falsch, Erwachsene entscheiden sich auch dazu, Manga zu lesen, aber hey, die meisten Leute wählen auch Merkel und ich habe noch keinen einzigen getroffen, der das das offen zugibt. Die einzigen, die ganz offen mit ihrer Manga-Präferenz umgehen, sind Nerds im Teenager-Alter, weil sie in ihrer Otaku-Gemeinschaft Zufriedenheit finden, wenn sie von anderen Nerds umgeben sind, die sich gegenseitig akzeptieren, wie sie sind. Eigentlich ist es utopisch. Aber um meine Antwort abzurunden: Kunst-Comics begannen, sich wie Betrug anzufühlen und auf Manga umzuschalten war überhaupt nicht schwer. Ich glaube, was es einfacher für mich gemacht hat, war, dass spanische und französische Verlage begannen, die Arbeiten von Yoshihiro Tatsumi, Seiichi Hayashi, Suehiro Maruo, Kiriko Nananan und vielen anderen zu verlegen, eine Weile vor den amerikanischen Verlagen. Seit fast 15 Jahren verschlinge ich sie nun schon.

Du arbeitest an kurzen Erzählungen sowie längeren Geschichten, von denen einige in "Seinen Crap" erscheinen. Kannst Du kurz erzählen, woran Du gerade arbeitest?
Eine selbstverlegte Zusammenstellung mit Kurzgeschichten aus "Seinen Crap" kam gerade unter dem Titel "Desolation.exe" heraus, aber ich werde weiter Kurzgeschichten machen, weil ich damit meinen Unterhalt bestreite. Außerdem arbeite ich gerade an einer Graphic Novel für den norwegischen Verlag Jippi Comics, eine Verteidigungsschrift für das Verbrechen, frei basierend auf dem Leben und den Arbeiten von Jean Genet. Die sollte nächstes Jahr erscheinen.

Du hast Deine Arbeiten allein in diesem Jahr in Berlin, Hamburg und Mannheim gezeigt. Wann wird die nächste Gelegenheit sein, Deine Comics zu sehen. Überhaupt: Wo sind sie erhältlich?
Leider können meine gedruckten Comics nirgendwo außer auf meiner Website selbst gekauft werden. Das hat einen einfachen Grund: Comicläden in Berlin verlangen von Selbstverlegern das gleiche wie von großen Firmen wie Carlsen, was etwas verrückt ist. Möglich ist sogar, dass die großen Verlage noch besser Bedingungen aushandeln können, da sie viel mehr verkaufen. Darüber hinaus bezahlen Läden nur, wenn Du ausverkaufst, was vielleicht erst nach Monaten passiert, da sie eher hinten im Laden stehen und das 20 Euro-Zeug den Ehrenplatz erhält. Das sind die Spielregeln. In diesem Model sollte ich entweder keinen Profit mit meiner Arbeit erreichen (ja, sehr lustig) oder 8 Euro für ein lausiges, 12-seitiges, fotokopiertes Zine verlangen. Also wird entweder der Künstler über den Tisch gezogen oder der Käufer, aber nie der Zwischenhändler. Entschuldigung, ist das nicht zu offensichtlich? Lass Dich nicht stören, ich bin der Griesgram, der sich immer beschwert. Ich bezweifle, dass ich zu viele Freunde in der Berliner Comic-Szene finde, wenn ich immer all diese Dinge sage...

Berliac online:  Websitefacebooktwitterinstagramtumblrflickr

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Abbildungen & Foto © Berliac

 

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