"Ankommen in Deutschland" – Gespräch mit Titus Ackermann

In den vergangenen Monaten haben sich bereits eine Reihe von Illustratoren für Flüchtlinge engagiert. Zeichnungen und Comics haben sich schon vielerorts bewährt, sei es als leicht verständliches Iconsystem, das bei Organisation und Kommunikation in vielsprachigen Menschengruppen hilft, oder als Ausmalvorlagen, in denen Kindern spielerisch die neue Umgebung näher gebracht wird. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat nun mit „Ankommen in Deutschland – Informationen für Flüchtlinge“ eine illustrierte Broschüre vorgelegt, die es erleichtern soll, das für die neu Angekommenen zumeist unbekannte Land und seine Bewohner zu verstehen, und die darüber hinaus praktische Informationen bietet, um sich in alltäglichen Situationen zurecht zu finden. Auf kurze, einführende Texte folgen dabei in Illustrationen dargestellte, beispielhafte Situationen.

Gestaltet hat die viersprachige, in einer Auflage von 5.000 gedruckte Broschüre der in Berlin lebende und vielen von seiner Arbeit mit „Moga Mobo" bekannte Titus Ackermann, das Konzept stammt von seiner Lebensgefährtin Heike Reinsch. Ackermann konnte hier seine internationalen Erfahrungen einbringen, schon oft hat er mit ZeichnerInnen aus arabischen Ländern zusammengearbeitet, beispielsweise in Beirut oder Algerien, wovon er in einer eigenen Ausgabe von „Moga Mobo“ berichtete.

Umso überraschender, dass das Projekt in den letzten Tagen harsch kritisiert wurde: Die im Projekt gewählte Methode, Gutes mit einem „Daumen-nach-oben“-Symbol und Negatives mit dem „Daumen-nach-unten“-Symbol zu markieren, nahmen unter anderem die taz, queer.de, huffingtonpost.de und die rechte Epoch Times zum Anlass für Beiträge. Da in einigen arabischen Ländern der nach oben gereckte Daumen traditionell dem hier gebräuchlichen ausgestreckten Mittelfinger entspreche, sei die Broschüre misslungen – den Flüchtlingen werden westliche Werte gewissermaßen mit einem „Scheiss drauf“ präsentiert. Weder die Tatsache, dass das Heft in Zusammenarbeit mit Flüchtlingen entstand, noch Ackermanns leicht recherchierbare Workshoptätigkeiten oder die weltweite Popularität von facebook mit dem bekannten „Like“-Symbol ließen Autoren zweifeln. Auch Nachfragen: Fehlanzeige.

Journalismuskritik soll aber nicht Anlass dieses Artikels sein, sondern wie einmal mehr ein Comic-Autor seine Fähigkeiten in den Dienst einer guten Sache stellt. Vielen Dank an Titus Ackermann für den spontanen Austausch.

Wie kam es zu diese Broschüre? War es ein Auftrag oder kam die Initiative von Dir und Heike Reinsch?
Meine Frau hat im „Heimaturlaub“ in Villingen aus Interesse an einer Bürgerveranstaltung zum Thema Flüchtlinge, mit Bürgermeister und Landrat, als Zuhörer teilgenommen. Da ging es hoch her: Viele hatten Ängste und Vorurteile. Im Anschluß daran sprach sie den Landrat an und fragte, ob man nicht mit einem Comic Projekt zur Kommunikation beitragen könnte. Der fand das interessant und hat es dem Leiter des Sozialamtes übergeben. Der wiederum hat sich dann mit uns in Verbindung gesetzt und die Dinge namen ihren Lauf: Es gab mehrere Telefonkonferenzen mit Leuten vom Sozialamt, Caritas und Sozialarbeitern, um einen Kern von Inhalten herauszuarbeiten – wobei die Themen größtenteils von denen genannt wurden–, Erklärungen, wo man Bedarf sah, erste Absprachen mit den Flüchtlingen, erste Skizzen und so weiter. Sorry, wenn das jetzt zu technisch klingt.

Bisher gab es eine ganze Reihe von Projekten, bei denen Illustratoren ihre Fähigkeiten im Rahmen der aktuellen Flüchtlingssituation zur Verfügung stellten. Da gab es ein Iconsystem oder Ausmalvorlagen. Euch war es aber wichtig, im Unterschied dazu die Flüchtlinge von Anfang an in eure Planungen mit einzubeziehen.
Vielleicht erst zu meiner Motivation: Ich habe ja in den letzten Jahren in diversen arabischen Ländern Workshops gehalten, ob mit Flüchtlingskindern im Libanon an der syrischen Grenze, mit Studenten von der Uni Beirut, mit den Machern des libanesischen, panarabischen Comicmagazins „Samandal“, oder mit Pressezeichnern in Algerien. Ich kenne Zeichner aus vielen Ländern, ein ägyptischer Zeichner wohnt hier bei mir um die Ecke und ist ein guter Freund geworden.
Ich hab die Geschichte des libanesischen und des algerischen Comics recherchiert und auf eigene Kosten dazu ein Buch gedruckt. Ich denke ich darf sagen, dass mir die Region und die Menschen, speziell auch die Kreativen, am Herzen liegen, da sie mitunter mit einem Fuß immer im Gefängnis stehen, wie beispielsweise in Algerien. All das hat mich sehr beeindruckt und für die Menschen eingenommen. Mein Ansatz ist also Helfen und nicht als panischer Wutbürger Maßregeln.
Aus diesem Grund wollte ich auf keinen Fall belehrend oder bevormundend sein. Deswegen haben wir sehr viel mit Flüchtlingen gesprochen – und gelacht, es war eine fruchtvolle befriedigende Zusammenarbeit. Darüber hinaus habe ich die Arbeiten Zeichnern aus dem Libanon, aus Syrien, Ägypten und Algerien gezeigt, noch mal als zweite Absicherung. Mit den Flüchtlingen hatten wir insgesamt drei Feedbackschlaufen, ungefähr 30 Leute wurden wiederholt befragt und tatsächlich auch das eine oder andere nachgebessert. Niemand, also tatsächlich nicht einer, hat sich negativ über Inhalt oder Bild geäussert.

Gab es Überraschungen oder Grundsätzliches, dass ihr ändern musstet?
Wie schon gesagt, Änderungen bezogen sich eigentlich nur auf Details – Wie stelle ich das Jobcenter dar? – oder ähnliches. Es gab aber „schöne“ Anekdoten. So zum Beispiel zum Thema Bestechung: Da gab es großes Gelächter, ALLE egal aus welchem Kulturkreis, haben es sofort verstanden und fanden es toll dass das hier strafbar ist. Drei Syrer bemerkten aber, dass man bei Ihnen das Geld nicht über sondern unter dem Tisch überreicht...

Gerade die Seiten auf denen es um die Freiheit sexueller Orientierungen geht, werden gerne vorgebracht, um ein kontroverses Potenzial der Broschüre zu zeigen. Gibt es darauf Reaktionen von Flüchtlingen?
Diesbezüglich überhaupt keine negativen, nur Positives. Es wurde immer wieder betont dass man es gut findet, dass Deutschland auf diese Freiheiten besteht und Respekt von allen einfordert. Ich möchte auch betonen, dass bewusst die unterschiedlichsten Schichten befragt wurden, ob es 20jährige Syrer oder ein 50jähriger palästinensischer Arzt war. Klar hat mal ein Syrer gesagt „bei uns in Syrien geht das nicht, offen schwul zu sein“, aber genau um solche Gespräche geht es ja auch, die Sozialarbeiter haben seit der Veröffentlichung mehrfach betont, wie glücklich sie sind, ein Tool an der Hand zu haben mit dem sie quasi „nonverbal“ in den Diskurs über Werte gehen können.

Ich muss zugeben, dass ich etwas bestürzt bin über die Doppelseite, in denen das Verhalten im Fall eines rassistischen Übergriffs oder einer brennenden Unterkunft erklärt wird. Ist das eurer Meinung nach eine solch präsente Situation, dass sie hier aufgeführt werden muss?
Vielleicht müsste man die Seiten trennen um nicht wie bei Dir eine Assoziation zu brennenden Heimen und Nazis zu sehen. Tatsächlich geht es bei dem Feuer darum dass generell bei Bränden die Feuerwehr schnell gerufen werden soll, also eine eher technische Information. Die Feuerwehr muss manchmal anrücken, da in Zimmern verbotenerweise gekocht wird und die Rauchmelder ständig losgehen. Das hat in der Regel zum Glück gar nichts mit fremdenfeindlichen Anschlägen zu tun. Die Feuerwehr, die auch gehört wurde, hat darum gebeten, diese Seite mit aufzunehmen, und zwar mit Brand und nicht mit Rauch...
Die Seite mit den Skins behandelt das Gewaltmonopol der Polizei. Ursprünglich hatten wir da, glaube ich, zwei Flüchtlinge, die sich schlagen, gezeigt und ein dritter ruft zur Schlichtung die Polizei. Das jedoch war den befragten Flüchtlingen nicht ganz verständlich, weswegen wir, auch damit die Flüchtlinge nicht pauschal als Streithähne oder aggressiv dargestellt werden, jemanden von aussen als Bedrohung dazu nahmen. Das funktioniert so nun viel besser.
Man darf aber sicherlich eines nicht vergessen: Das Buch soll nicht für deutsche (Bildungs-)Bürger funktionieren sondern ist ein Kommunikationstool mit dem die Sozialarbeiter mit den Flüchtlingen zusammen arbeiten. Das heisst auch, dass das Buch in der Regel nicht umkommentiert verteilt wird. Das halte ich für einen wichtigen Aspekt! Selbst mögliche Missverständnisse, die man bei soviel Kulturen nie ganz ausschliessen kann, werden benutzt um auf die Thematik einzugehen und sie darzustellen.

Die Sache mit dem Daumen, darüber müssen wir natürlich noch sprechen. In der Broschüre wird Positives mit einem nach oben gestreckten Daumen markiert, Negatives mit dem nach unten. Das sorgte für Irritationen, weil in vielen arabischen Ländern der Daumen nach oben der hier gebräuchlichen Mittelfinger-Geste entspreche. Ist das in Zeiten von facebook noch so?
Es ist wahr, dass die Nebenbedeutung des Daumens als „Fuck you“ in ein paar Regionen noch existiert. Sie ist aber total veraltet und wird von vielen, speziell aber auch jüngeren „Arabern“ überhaupt nicht mehr gekannt. Facebook und andere soziale Medien haben da Ihr Werk der Globalisierung vollbracht, der Daumen wird mittlerweile praktisch immer, besonders aber wenn er in einem westlichen Kntext benutzt wird, als positiv verstanden und gelesen. Sogar das panarabische Magazin „Samandal“ meiner Freunde aus dem Libanon benutzt „Daumen hoch“ als positive Chiffre.
Darüber hinaus finde ich ja fast die Pauschalisierung, dass die „Araber“ – eine änliche Pauschalisierung wie alle Bewohner Nord- und Südamerikas als die „Amerikaner“ zu bezeichnen – nicht in der Lage sind zu differenzieren und Bedeutungen zuzuordnen, etwas rassistisch. Das sind ja keine Kinder.
Uns war auch im Vorfeld klar dass man mit Sexualität, Schwulen und Lesben, Religion, plus Werte im Kontext mit Flüchtlingen Themen bearbeitet, die höchst kontrovers sind. Wir haben es aber bewusst trotzdem gemacht. Immer nur viel Reden und am Ende nix machen, das bringt uns auch nicht weiter. Und es gibt nun einmal diesen Kommunikationsbedarf, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Hat die Arbeit an der Broschüre Deine Sicht auf die Flüchtlingssituation verändert?
Nein, nicht wirklich. Ich bin kein Gutmensch und sehe die zahlreichen Probleme mit denen wir uns in den nächsten Jahren auseinandersetzen werden müssen. ich bin auf der anderen Seite aber auch stolz darauf, dass wir vielen Flüchtlingen Schutz gewähren. Die schwierige Situation wird leider von vielen instrumentalisiert und im Grunde kann man es den meisten nicht wirklich recht machen. Das versuchen wir aber auch gar nicht, wir arbeiten mit diesem Buch mit den Flüchtlingen, mit den Sozialarbeitern und der Caritas erfolgreich zusammen.
Darüber hinaus haben wir das Projekt immer als offenen Baukasten entwickelt, der angepasst und verbessert werden kann, auch falls zum Beispiel andere Gemeinden oder Kreise ihn übernehmen, aber an ihre Bedürfnisse anpassen möchten...
Verändert hat sich eher mein Bild gewisser Medien, da wir konkret am eigenen Leib erfahren dürfen, wie sich das anfühlt, wenn sich im Netz so eine Debatte entwickelt, wieviel kopiert wird ohne zu recherchieren, das geht von ganz klein bis zum Focus online. Ein bisschen erschreckend, wenn auch nicht unbedingt überraschend.

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Abbildungen © Reinsch – Ackermann
Weitere Berichte über das Projekt auf suedkurier.de und swr.de (bei letzterem auch Titus Ackermann im Interview).
Derzeit ist Ackermann Mitorganisator des Comic Culture Clashs.

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