Angoulême – Über den Reiz des Festivals

Im Vorfeld wurde bereits viel über die anstehende 43. Ausgabe des Comicfestivals in Angoulême berichtet, das Ende übernächster Woche stattfinden wird. Zuletzt überschatteten dabei die Auseinandersetzungen um die Wahl zum Grand Prix das restliche Festivalprogramm mit seinen Ausstellungen und dem diesjährigen Präsidenten Katsuhiro Otomo. Herzstücke des Festivals sind neben den über die Innenstadt verteilten Zelten mit den Verlagsständen die Ausstellungen (in diesem Jahr unter anderem zu Otomo, Morris, Menu, Pratt und "LastMan") und das weitere Rahmenprogramm (Podiumsgespräche, Comic-Konzerte, etc.). Natürlich werden in Angoulême auch wieder eine Menge BesucherInnen aus dem deutschsprachigen Raum erwartet, ob als Journalist, Verlagsvertreter, Festivalgänger oder -macher. So werde auch ich wieder vor Ort sein und vom Festival berichten.

Angoulême ist ein großes Stelldichein und was den großen Reiz des Festivals neben den genannten Punkten ausmacht, darüber sprach ich mit Johann Ulrich, Chef und Inhaber des avant-verlags. Natürlich wird er in Sachen Lizenzhandel im "International Rights Tent" anzutreffen sein und sich dort mit den wichtigen französischen VerlagsvertreterInnen über Neuerscheinungen austauschen. Aber nicht nur das: Der Stellenwert des Festivals ergibt sich auch aus dem dem, was neben dem eigentlichen Programm und dem zunächst Offensichtlichen passiert. Auch von diesem Drumherum handelt unser Gespräch.

In einem eigenen Zelt geht es nur um den Austausch zwischen den Verlagen: Stichwort Lizenzhandel. Viele der VerlagsvertreterInnen sind bereits auf der Frankfurter Buchmesse zwei Monate zuvor schon anzutreffen. Man könnte also meinen, dass das schnelle Wiedersehen nicht unbedingt nötig wäre, auch weil sich Vieles doch inzwischen online erledigen lässt. Oder wird hier bereits Neues gezeigt?
Ja das ist richtig, man sieht diesen Personenkreis im Grunde sogar drei Mal pro Jahr. Es ist also eher ein ständiger Austausch. Dabei geht es nicht immer nur um neue Lizenzen, sondern auch um bestehende Verträge, Nachdrucke, Änderungen etc. Was machen Autoren die wir in der Vergangenheit verlegt haben gerade? Wieso und wodurch ist ein Titel in Frankreich zum Erfolg geworden? Wann machen wir endlich das Buch das wir vor 2 Jahren gekauft haben und so weiter und so fort... Ich würde eher von einem Erfahrungsaustausch sprechen als von einem reinen Lizenzhandel. Zudem sind wir ja auch abseits der Festivals in Kontakt und zu etlichen der franz. Verlagsvertreter ist im Lauf der Jahre ja auch eine private Freundschaft entstanden.
Wenn es in den letzten drei Monaten etwas Neues gab wird es natürlich auch dort vorgestellt. Wir Verleger sehen ja, zumindest bei den größeren Verlagen Vorschauen auf die Produktion des kommenden Halbjahres beziehungsweise Jahres.
Und in Angouleme sind überdies eben noch sehr viel mehr Comic-Leute als in Frankfurt.

Weswegen setzt man sich dort sonst mit anderen Verlagen zusammen?
Angouleme ist für mich deshalb das wichtigste Festival weil ich dort auch viele Kollegen aus anderen Ländern treffe. Dorthin kommt wirklich fast die gesamte Branche und ich treffe eben nicht ausschließlich die französischen Lizenzgeber, sondern auch Kollegen aus über 15 anderen Ländern! Darüber hinaus viele Zeichner, Journalisten, Redakteure, Kollegen, Festivalleiter, Ausstellungsmacher, Vertreter von Kulturinstituten, Mitarbeiter von anderen Verlagen und so weiter.
In der Vergangenheit sind dadurch auch tatsächlich Co-Produktionen entstanden. Unsere "Vampir"-, "Aspirine"-, "Papa in Afrika"- und "Hexe Total"-Bände sind schöne Beispiele dafür.
Unsere eigenen Stoffe biete ich bei dieser Gelegenheit selbstverständlich auch an.

Welche anderen professionellen Termine stehen in Angoulême an?
Ich werde mir nach 15 Jahren das erste Mal den Eröffnungstag Donnerstag rein für die Ausstellungen und die Verlagsstände reservieren. Die Termine fangen dieses Jahr für mich dadurch erst am Freitag an - dann aber in einer arg sportlichen Reihenfolge ...
Darüber hinaus treffe ich mich mit einer Literaturagentin welche den Markt auch abseits der Festivals für uns sichtet und unserem Vertreter für den US- und asiatischen Raum. Das alles hier aufzulisten würde mühsam ...

Steht in diesem Jahr etwas besonders im Mittelpunkt?
Bislang noch nicht. Einigen, auch im Ursprungsland, längst vergriffenen Titeln will ich nachspüren, bin gespannt ob es zum Erfolg führt ... Das werde ich erst vor Ort sehen.

Findet sich auch Zeit, um die vielen Verlagsstände auszukundschaften und Entdeckungen zu machen? Ist es schon einmal vorgekommen, dass Du hier auf etwas für den avant-verlag gestoßen bist?
Ja, das ist in der Vergangenheit in der Tat schon oft passiert. Wohl umso mehr, da im avant-verlag ja auch sehr viele Titel von kleinen und mittleren französischen Verlagen erschienen sind. Die sind oftmals gar nicht im sogenannten "International Rights Tent" vertreten. Und umgekehrt sind diese Verlage ja auch unsere Lizenzkunden für unsere deutschen Bücher. Nein, die aktuelle Produktion zu checken ist ein Muss! Ich denke das geht allen so, denn das eigene "Entdecken" ist manchmal eben viel erfüllender als die Mappen bei den Terminen durchzublättern. Ausserdem trifft man in den Hallen natürlich ständig Kollegen und Autoren mit denen man keinen Extra-Termin vereinbart hat. Ich arbeite mit etlichen europäischen Verlagen seit Jahren zusammen und

Wie wichtig sind die Abende in Angoulême? Werden die eigentlichen Geschäfte, wie man manchmal überspitzt hören kann, am Bartresen oder im Hotel Mercure, gemacht?
Für mich sind die Abende in der Tat oftmals ergiebiger als die offiziellen Treffen tagsüber. Der Meinungsaustausch über Erfolge und Misserfolge mit Kollegen ist das "Fleisch in der Suppe". Neue Trends werden besprochen, eventuell auch Produktionspläne abgeglichen. Das kann dann auch schon mal bis in den frühen Morgen gehen. Aber das "Hotel Mercure" hat seit dem Umbau doch viel von seinem Charme verloren. Ich glaube, ich war seit Jahren nicht mehr drin.

Was bekommt man als Verleger mit all den Terminen und Treffen vom eigentlichen Festival sonst mit? Findet sich Zeit, Veranstaltungen zu besuchen?
In der Vergangenheit nicht sehr viel und schon gar nicht in entspannter Atmosphäre. Aber wie gesagt: Dieses Jahr wird alles anders und ich freue mich darauf, einen Tag als Tourist durch Angoulême zu bummeln, bevor der ganz große Ansturm einsetzt. Der Preisverleihung und den Veranstaltungen bleibe ich meistens fern, denn nach einem übervollen Messetag bin ich dafür einfach zu erschöpft. Stattdessen lieber ein Abendessen und den Tag am Tresen ausklingen lassen.

Gibt es etwas, auf das Du Dich dabei besonders freust?
Auf das Wiedersehen mit vielen Freunden und das gute französische Essen!

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Die gezeigten Fotos stammen vom letzten Jahr. Weitere stümperhafte Aufnahmen gibt es in der flickr-Galerie (siehe unten). Ich gelobe Besserung.

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