20 Jahre T3 – Interview mit Ekki Helbig

Der eigentliche Geburtstag des Frankfurter Comicshops T3 Terminal Entertainment liegt schon zwei Monate zurück: Im August 1995 gründeten Gerhard Kurowski, Wolfgang Brenner und Ekki Helbig den Laden für Comics, Spiele und Merchandise, der sich bis heute in der Nähe der innerstädtischen Einkaufsmeile Zeil befindet. Da die Ladeneinrichtung zu spät geliefert worden war, begann man mit dem Verkauf aus einfachen Lagerregalen und schob dann die offizielle Eröffnung Anfang Oktober nach. Ekki Helbig ist denjenigen, die nicht vor Ort einkaufen, von vielen Messen und Festivals bekannt: Auf seine Präsenz ist verlass, nimmt er doch gerne die Gelegenheiten wahr, das beständige Veranstaltungsprogramm fortzuführen und dafür Zeichnerinnen und Zeichner einzuladen. Ob Signierstunden, Präsentationen, Gratis Comic Tag oder Batman-Tag: Laufend finden bei T3 Veranstaltungen statt.

Im Laufe der Jahre hat Ekki Helbig die Veränderungen des Comicmarktes begleitet, und beobachten können, wie sich die Leserschaft erneuert und erweitert. Im Interview erzählt er davon, wie man als Comicshop 20 Jahre überlebt, vom Mangaboom, von Teamsitzungen und laufenden Baumaßnahmen.

Zum Jubiläum sind eine Reihe von Aktionen angekündigt: Die nächsten Signierstunden finden am kommenden Samstag (Sytse S. Algera und Apriyadi Kusbiantoro) bzw. Sonntag (Ingo Römling, Sascha Wüstefeld und Ulf S. Graupner) statt. In einem Jubiläumsheft gratulieren langjährige Begleiter wie David Boller, Ingo Römling, Christopher Tauber oder Wolfgang Buechs (daraus gibt es hier einige Bilder zu sehen). Und das größte Geschenk folgt im November: Dann folgt die Erweiterung der Geschäftsräume – doch dazu unten mehr.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Zuerst eine ganz allgemeine Frage: Wie überlebt man 20 Jahre als Comicshop? Oder ist das gleich falsch gefragt, weil das unterstellt, dass man es als Comicshop nicht leicht hat?
Na, danke für den tollen Einstieg. Ich liebe Vorurteile über Comicläden, haha. Generell ist Einzelhandel ein hartes Brot, steigende Mieten in der Innenstadt, wachsender Onlinehandel etc. Da brauchst du schon ein richtig gutes Team, eisernes Durchhaltevermögen, eine gute Organisation und natürlich viel Leidenschaft fürs Medium Comic.
Wir sehen uns auch nicht als reinen Comicshop, sondern eher als „Buchladen für populäre Kultur“. Im Mittelpunkt steht bei uns nicht der Sammler, sondern der Leser. Und da kann man durch kluge Beratung und Ehrlichkeit und viel Engagement – zum Beispiel mit Signierstunden und sonstigen Aktionen – ein treues Publikum aufbauen. Und du brauchst natürlich einen guten Zahlenmenschen im Team, der dir immer wieder erklärt, der Umsatz ist nicht alles. Und das macht unser Gerhard sehr gut.

Was hat sich in den letzten Jahren mehr verändert: Die Comic-Landschaft oder eure Nachbarschaft? Es wurde vor eurer Haustür ja kräftig gebaut. Was hatte die größeren Auswirkungen?
Es wurde ja auch im Laden selber immer wieder kräftig gebaut, das Haus ist halt hundert Jahre alt und für viele Überraschungen gut. Aber wir haben auch 2014 ein halbes Jahr mit zugenagelter Schaufensterfront gute Geschäfte gemacht. Insgesamt war das ein ganzes Jahr Dauerbaustelle im, am und um den Laden – herausgekommen ist der beste Jahresumsatz, den wir je hatten. Die Lage von T3 ist über die Jahre immer attraktiver geworden, die Sperrung der Hauptwache für den Autoverkehr war da ein zentraler Punkt. Letztendlich haben uns alle Baumaßnahmen in der Gegend mehr Laufkundschaft gebracht.

Die Änderungen der Comic-Landschaft gehören im Geschäft einfach dazu. Ob es nun Verlage oder Vertriebe sind, die verschwinden oder dazu kommen – letztendlich ist der permanente Wandel auch immer eine Chance, was zu verändern. Du verlierst einen guten Geschäftspartner gewinnst aber auch einen Neuen dazu.

Die frustrierenden Einstellungen frankobelgischer Serien bei den Großverlagen in den 90ern hat zu dem wunderbaren Geschäftsmodell des Finix Verlages geführt (Fortführung abgebrochener Serien). Das hat dann bei Lesern und Händlern wieder für gute Laune gesorgt. Und Finix hat jenseits des Geschäftsmodells inzwischen mit "Hauteville House" oder "Jackie Kottwitz" ein paar wunderbare Titel im Angebot. Du musst halt als Laden flexibel auf die dauernden Änderungen reagieren. Und derzeit können wir uns über das Angebot der deutschen Verlage nicht beschweren, so vielfältig wie heute war der deutsche Comicmarkt wohl noch nie.

In den letzten 20 Jahren hast Du Trends kommen und gehen gesehen, welche Veränderungen waren für Dich dabei am Nachhaltigsten?
Ein wahrlich weites Feld, ich versuche mal, mich auf ein paar wenige Themenbereiche zu beschränken.

Manga
In unseren ersten Jahren das totale Boom-Thema, was haben wir an "Dragon Ball" und "Sailor Moon" über die Theke geschoben – unglaublich! Doch im neunen Jahrtausend wurden es irgendwann unübersichtlich, zu viele Titel, die ersten Serien wurden eingestellt etc. Aber die Mangaverlage haben es geschafft, dass es bei einer zeitweisen Umsatzdelle blieb. Inzwischen steht der Mangabereich wieder formidabel da und das Angebot ist heutzutage so vielfältig wie noch nie

Superhelden
Das zweite Boom-Thema der ersten Jahre. Leider setzten die Verlage weniger auf die Inhalte, als vielmehr auf irrsinnig viele Variantcover, die die Sammler irgendwann überforderten. Es wurde der Irrglaube verbreitet, das Comics eine Wertanlage wären. Das konnte nur schief gehen. Der Superheldenmarkt brach komplett zusammen und riss mehrere Verlage ins Verderben. Zum Glück hat der Panini Verlag diesen Markt mit kluger Strategie wieder komplett neu aufgebaut. Und auch für die Superhelden gilt wieder – nie war das Angebot so vielfältig.

Splitter
Ich will jetzt nicht die Erfolgsstory des Splitter-Verlages widerkäuen, aber dessen Programm und Marketing hat uns in den letzten Jahren eine Menge Altkunden zurückgebracht und wieder richtig frischen Wind in die francobelgische Abteilung getragen. Und auch wenn jetzt viele klagen, das 14 Novitäten im Monat zu viel des Guten sind, bei uns geht die Rechnung umsatzmäßig total auf. Und solange Spitzentitel wie "Die alten Knacker" im Programm sind, nehme ich auch gerne die 95. Arleston-Fantasyserie in Kauf.

Graphic Novel
Mal abgesehen vom strittigen Begriff, war die Marketingkampagne zu Graphic Novel sehr erfolgreich. Nicht nur für den klassischen Buchhandel oder das Zeitungsfeuilleton, auch für unseren Laden. Wir haben definitiv ein neues Publikum dazu gewonnen. Schlüsseltitel für T3 war "Habibi" von Craig Thompson mit weit über hundert verkauften Exemplaren. Mit einem Extraregal und einem eigenen Novitätentisch für Graphic Novels haben wir dieser Entwicklung längst Rechnung getragen.

Gratis Comic Tag
Eine der besten Erfindungen seit geschnitten Brot. Und der Beweise, das die Kooperation aller Verlage den Markt tatsächlich weiterbringt. Diese Events haben uns tatsächlich mehr Aufmerksamkeit und neue Kundschaft gebracht. Auch die Batman-Tage von Panini waren sehr erfolgreich.

Inwieweit hat sich die Kundschaft in den letzten Jahre gewandelt und damit auch die Herausforderungen an den Comicverkäufer?
Die Kundschaft ist viel bunter als früher. Nehmen wir einfach mal die weibliche Leserschaft als Beispiel: In den 90ern haben Frauen, wenn sie sich überhaupt in den Laden verirrt haben, bei uns maximal "Elfenwelt" und "Calvin & Hobbes" gekauft. Dann kamen die jungen Mangaleserinnen, die sich für nichts anderes als Manga interessierten. Anfang 2000 hatten wir nur drei oder vier Kundinnen, die regelmäßig Superhelden, frankobelgische Alben oder Comicromane gekauft haben. Heute macht die weibliche Kundschaft, übrigens parallel zur Entwicklung der Belegschaft, fast fünfzig Prozent aus. Und die kaufen eben nicht mehr nur Manga, sondern quer durchs Programm: Superhelden ("Deadpool"!), Graphic Novels und Alben (viel Fantasy).
Da hat sich in den letzten Jahren durch die Superheldenfilme und den Hype um "Big Bang Theory" sehr viel zum Positiven verändert. Es sind auch wieder sehr viele junge Leute auf den Geschmack der Comics gekommen. Und die sind generell auch sprachlich viel flexibler. Wenn es einen Titel auf dem deutschen Markt nicht gibt, dann wird halt die englische Version gekauft. Da profitiert unsere US-Abteilung sehr von.
Für den Comicverkäufer heißt das, die Beratungsintensivität hat eindeutig wieder zugenommen und die Klassiker der verschiedenen Comicgenres sollten auf Lager sein. Ich weiß gar nicht, wie viele hunderte Exemplare wir von "Watchmen" auf Deutsch oder Englisch in den letzten zwanzig Jahren verkauft haben...

Du hast nicht nur mit dem Publikum zu tun, sondern regelmäßig auch mit den Verlagen beziehungsweise deren Vertretern. Inwiefern ist man als Händler dem, was die Verlage herausgeben, ausgeliefert? Wie findet man da eine eigene Position?
T3 hat von Anfang an eigene Schwerpunkte gehabt. Das waren immer das US-Comicprogramm und fantastische Comics im weitesten Sinne des Wortes. Wir sind natürlich auf die Programme der Verlage angewiesen, aber fühlen uns überhaupt nicht ausgeliefert. Wir können ja auswählen, welche Titel zu uns passen.
Den Hethke Verlag hatten wir zum Beispiel nie im Programm, Nostalgie war in unseren Anfangstagen kein Thema für uns. Und bei der derzeitigen Titelflut, können wir ganz gezielt die Titel aussuchen, die wir für unser Publikum geeignet halten. Wir stellen uns zwar fast alles hin, aber doch in sehr unterschiedlichen Stückzahlen. Wir besprechen auch sehr genau die Programme der Verlage und was wir daraus für den Präsenzbestand auswählen. Vorbestellungen und Abonnements unserer Kunden helfen uns natürlich bei der Einschätzung, da zahlt sich Kundenservice aus. Und wenn die Titel eingetroffen sind, hilft nur viel lesen, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Du bist auch auf Messen und Festivals anzutreffen, Comics sind, wie es scheint, auch eine persönliche Leidenschaft. Geht das – einen sicher oft auch stressigen Beruf und eine Passion unter einen Hut zu bringen? Gibt es nicht Momente, in denen man einfach mal keine Lust auf Comics hat?
Die Präsenz auf Messen und Festivals ist mir sehr wichtig. Bei allen technischen Möglichkeiten der Kommunikation, bin ich altmodisch – es geht nichts über das direkte persönliche Gespräch. Da kann man auch viel besser gemeinsame Aktionen mit den Verlagen absprechen, konstruktive Kritik üben, Anregungen geben usw. Die Comicszene ist ja auch eine kleine und familiäre, das macht einfach Spaß. Und Networking ist ein wichtiger Teil meines Jobs. Auf den Festivals treffe ich auch Zeichner, die ich zu uns in den Laden einlade – T3 bietet wahrscheinlich das größte Signierstundenprogramm aller Comicläden in Deutschland. Da gehen Passion und positiver Stress Hand in Hand…

Zur Entspannung höre ich Musik, ich male und bastele Objektkästen. Und in den Urlaub nehme ich keine Comics mit.

Ganz allgemein gefragt: Was macht denn aus einem Comicshop einen guten Comicshop? Was hast Du in den Jahren als Händler dazugelernt?
Teil eins der Frage sollte eigentlich schon beantwortet sein, haha. Ich lerne auch nach 20 Jahren ständig was Neues dazu. Man muss flexibel bleiben und sich ständig neu erfinden. Deswegen machen wir jetzt auch seit Jahren morgens eine halbe Stunde vor Öffnung des Ladens eine Teamsitzung. Da besprechen wir nicht nur das Tagesgeschäft, sondern auch allgemeine Veränderungen im Comic- oder Buchmarkt. Da ziehen sich manche Diskussionen schon mal über Tage. Bei der Besprechung entwickeln wir auch gemeinsam Strategien für die Weiterentwicklung des Ladens etc. So halten wir uns gegenseitig wach und flexibel.

Schauen wir mal in die nähere Zukunft: Wie sieht T3 im Jahr 2020 aus?
Wie es im Jahr 2020 aussieht, kann ich echt noch nicht sagen. Aber dafür steht aktuell in 2015 noch eine wirklich große Veränderung an: T3 gönnt sich zum Jubiläum einen zweiten Laden. Mitte November übernehmen wir das Nachbargeschäft und eröffnen da einen eigenen Spieleladen. Trotz des Comicbooms haben nämlich bei uns die Spiele (Rollenspiele, Tabletop, Pen & Paper, Brettspiele, Miniaturen, Farben, Games Workshop) die größte Umsatzentwicklung in der letzten Zeit gemacht. Und die Abteilung platzt aus allen Nähten. Wir haben jetzt lange geschaut, wie wir uns erweitern können und jetzt mit dem Nachbarladen richtig Glück gehabt. 90 qm zusätzliche Verkaufsfläche, Ware ist genügend vorhanden, kurze Wege zum Stammladen, der gleiche Vermieter – das sind äußerst günstige Voraussetzungen. Und in Frankfurt gibt es schon lange keinen vernünftigen Spieleladen mehr. Im Hauptladen wird dadurch natürlich Platz frei für die vielen neuen Comics. Es steht also wieder ein kleiner Umbau an, aber wir sind sehr optimistisch für die Zukunft.

–––
Fotos © T3 Terminal Entertainment, Abbildungen © T3 – Ingo Römling, © T3 – Manuel Tiranno, © T3 – David Boller

Diese können Sie auch interessieren...

Twitter icon
Facebook icon
Google icon
Pinterest icon