„Ich mag es gerne, gestresst zu sein.“ – Mathilde Ramadier im Interview

In der kleinen Reihe über Comic-MacherInnen aus dem Ausland, die in Deutschland leben, waren es bisher männliche Zeichner, die zu Wort kamen, wie zum Beispiel der Franzose Alex Chauvel. Die in Südfrankreich geborene Mathilde Ramadier ist nun weder männlich noch Zeichnerin: Seit einigen Jahren veröffentlicht sie als Szenaristin Comics, bei denen sie Anderen die zeichnerische Umsetzung überlässt. Nach dem nun auch bei Egmont auf deutsch vorliegenden, biografischen Band „Sartre“ (Zeichnungen: Anaïs Depommier) erschien in Frankreich „Berlin 2.0“ (Zeichnungen: Alberto Madrigal). In beiden Bänden reflektiert sie nicht zuletzt eigene Erfahrungen, entweder in ihrem abwechslungsreichen Studium angehäuftes Wissen oder in Berlin selbst Erlebtes.

Im Interview spricht Ramadier, die auch als Übersetzerin tätig ist und neben Simon Schwartz' „Vita Obscura“ nun ein Sachbuch über die Panama Papers ins Französische übertragen hat, über ihre unterschiedlichen Projekte, die Arbeit als Szenaristin und warum sie gerade nach Berlin gekommen ist.

Über ihre Arbeit spricht sie am 16. Juni in der Hamburger Dependance des Instituts Francais mit Dr. Sebastien Rival.

Was hat Dich nach Berlin verschlagen? Waren es die vor allem im Vergleich zu Paris niedrigen Mieten, der Ruf der Stadt als lebendige, kreative Metropole, oder noch etwas Anderes?
Ich habe sechs Jahre im 11. Arronidssement in Paris gelebt und mag die Stadt sehr. Ich hatte aber nach dem Studium Lust, im Ausland zu leben, andere Sprachen zu sprechen. Berlin war schon in meinem Herz, ich war hier mehrere Mal im Urlaub, ich konnte mir das sehr gut vorstellen. Und in 2009 habe ich meinen Freund in Paris kennengelernt – „Coup de foudre“. Er ist deutsch, ich habe ihm ziemlich schnell vorgeschlagen, dass wir zusammen in 2011 nach Berlin umziehen. Ich wusste schon auch, dass ich ein Künstler- bzw. Schriftstellerleben probieren wollte. Dafür war Paris zu beschränkt. Am Anfang war es nur für ein Jahr geplant, wir sind aber immer noch da...

Du arbeitest als Comic-Autorin und Übersetzerin. Wie wird man Szenaristin in Frankreich? Gibt es dafür eine Ausbildung an Comic-Schulen?
Meiner Meinung nach gibt es nur eine Schule dafür​: die Schule des Lebens! Es gibt Schulen für die Comic-Autoren wie in Angoulême oder „Emile Cohl“ in Lyon, aber für die Szenaristen in der Comic-Branche ist alles möglich. Ich habe drei Jahre lang Kunst und Graphic Design studiert und viele Praktika gemacht, und danach war ich an der Uni. Erst an der Uni Paris 8 in Saint-Denis, die im Mai 1968 in Vincennes gegründet wurde und heute noch sehr frei ist. Dort habe ich Ästhetik, Kunst, Psychoanalyse und Philosophie studiert. Nach drei Jahren Kunst und „Praxis“ habe ich mich dort intellektuell gebildet. Für das letzte Jahr des Masters habe ich mich an der Ecole Normale Supérieure beworben, an der Fakultät der zeitgenössischen Philosophie. Ich habe also in meheren Bereichen studiert, aber auch in verschiedenen sozialen Umfeldern. In Saint-Denis waren die Studenten aus den „Classes populaires“ mit 60 Prozent Ausländern und die Ecole Normale Supérieure besuchte die sogennante „Elite“, meistens aus Paris, die heute mehr und mehr kritisiert wird. Es hat mich sehr interessiert, diese Unterschiede zu sehen. Danach bin ich nach Berlin umgezogen, und Szenaristin bin ich quasi zufällig geworden, mit dem Projekt über Sartre. Sartre war das Thema meiner Masterarbeit.

Wie schreibst Du einen Comic? Als Skript, das dann ohne weitere Beteiligung vom Zeichner umgesetzt wird? Oder begleitest Du auch den weiteren Entstehungsprozess?
Ich schreibe Skripts, die aber mehr nach Prosa aussehen als nach einem technischen Skript. Ich gebe schon viele Hinweise für jedes Panel, der Illustrator kann aber noch frei entscheiden, wie er die Geschichte in Seiten umsetzen möchte. Wenn ich schreibe, habe ich schon die Bilder im Kopf, und weiß ungefähr, wie lang das Buch am Ende sein wird. Ich will aber trotzdem, dass der Text angenehm zu lesen ist und nicht wie eine langweilige Anleitung, in der es keinen Platz mehr für eigene Kreativität gibt.

Ich stelle mir vor, dass Dir die Idee zu „Berlin 2.0“ während Deiner Zeit in Berlin kam und Du damit Deinen Aufenthalt in der Stadt reflektierst.
Richtig! Die Idee kam Anfang 2013, als ich mehrere schlechte Erfahrungen mit Jobs in Berlin gesammelt hatte. Ich wollte eine Art Reportage über dieses Thema schreiben, und habe dafür einen Illustrator in Berlin gesucht, und gefunden: Alberto Madrigal. „Berlin 2.0“ ist Fiktion, aber die Geschichte habe ich nach meiner Erfahrung geschrieben. Jede Anekdote – erfreulich oder nicht – beruht auf wahren Begebenheiten! Ich denke aber nicht, dass meine Erfahrung in Berlin eine Einzelerfahrung ist: Viele Leute meiner Generation experimentieren mit der Prekarität und dem wilden Neo-Liberalismus der amerikanischen und deutschen Startups. Und wir müssen uns empören.

Inwiefern beeinflusst Dich der Aufenthalt in Deutschland bei der Arbeit als Szenaristin?
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es ist eine Kombination von mehreren Aspekten. Ich reise ziemlich viel, für die Arbeit in Deutschland und in Frankreich, für Residencies auch wie in diesem Sommer in Arles in dem Collège International des Traducteurs Littéraires. Das Leben in Berlin ist sehr gut für meine Arbeit: Ich schreibe in meinem Büro zu Hause, habe genug Platz und Ruhe, und sammle Geschichten und Inspiration mit meinen Freunden, die aus viele verschiedene Ländern stammen. Wenn ich in Paris geblieben wäre, hätte ich nie ein so internationales Leben.

Tauscht Du Dich mit anderen Szenaristen aus? Gibt es da ein Netzwerk?
Ich bin mehr im Kontakt mit Illustratoren, Comic-Zeichnern, Musikern, Künstlern und Intellektuellen der Buchbranche als mit Szenaristen. Das Netzwerk der Comicbranche in Berlin kenne ich ziemlich gut​ und genieße es sehr, aber ich schreibe leider nur auf Französisch. Deswegen kenne ich mehr Szenaristen in Frankreich als in Deutschland. Die Festivals und Events in Berlin oder Erlangen sind immer eine schöne Gelegenheit, andere Leute kennen zu lernen. Mir ist es segr wichtig, nicht isoliert zu bleiben. Mit Seminaren und Parties habe ich aber auch andere Autoren sowie Übersetzer kennen gelernt.

Wäre eine Zusammenarbeit mit einem deutschen Zeichner oder einer deutschen Zeichnerin für Dich interessant?
Sehr! Ich würde mich sehr freuen. Ich bin immer offen für neue Zusammenarbeit. Mir ist nur wichtig, dass ich auf Französisch schreiben kann. Mit Alberto haben wir schon mit zwei Sprachen gearbeitet und es war sehr interessant. Es war aber für mich etwas mehr Arbeit, weil ich selbst mein Szenario für ihn auf Englisch übersetzen sollte, damit er verstehen konnte, was er liest! Mein Verlag Futuropolis in Frankreich hatte noch nie so ein Duo gesehen, die sie nicht auf Französisch unterhalten konnten und hatten kein Budget für eine „interne“ Übersetzung.​

Was planst Du als Nächstes?
Jetzt werde ich drei Wochen in Arles als Übersetzer in Residency sein und freue mich, ein bisschen Ruhe für meine Projekte zu haben. Im Frühling habe ich viele Lesungen und Workshops gemacht und habe in einer kurzen Zeit das bei KiWi erschienene Buch über die Panama Papers ins Französische übersetzt. Das war eine Menge Arbeit!​ Mein nächstes Buch erscheint am Ende des Jahres und ist eine Graphic Novel mit Zeichnungen von Laurent Bonneau über die Ölindustrie und die Ökologie in Norwegen. Das Buch erscheint wieder bei Futuropolis. Zur Zeit habe ich andere Projekte im Kopf: eine Graphic Novel über die letzten 30 Jahre Feminismus in Frankreich, zwei Sachbücher über Philosophie... Wenn ich mehr Zeit habe, zeichne ich auch sehr gerne, ich bastele zwei kleine Bücher – noch mal – zum Thema Arbeit, Prekarität und mache gerne "Liberalismus- und Startup-bashing"! Ich mag es gerne, gestresst zu sein, aber ich bin troztdem ein ruhiger Mensch, der es genießt, in Südfrankreich, meiner Heimat, mit einem Glass Wein einfach auf einer sonnigen Terrasse zu sein.

Mathilde Ramadier online: mathilderamadier.comtwitterlinkedin

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Foto © Florian Sarges

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