dreimalalles – die Origin Story

Mitte der 1990er war es in der westfälischen Provinz gar nicht so einfach, an Comics zu kommen. Lange Zeit hatte der örtliche Einzelhandel die vage Begeisterung füttern können und mehr als einmal klapperte ich die diversen Edekas, sonstige Super- und Minimärkte sowie den örtlichen Zeitschriften- und Buchhandel nach Lesefutter ab. Mit dem Rad von A nach B, schnell reinspringen, schauen, was es Neues gibt. Kaufen konnte ich mir mit meinen begrenzten Mitteln nur wenig, und es gefiel mir ja auch nicht alles, was sich da in den Auslagen fand: Von einigen Alben ließ ich schon instinktiv die Finger („Die Sturmtruppen“ anyone?), anderes zog mich aber magisch an. Es war die Zeit der Veröffentlichungen des Condor-Verlags, der viele Marvel-Heftserien herausbrachte und meine frühe Begeisterung für Spider-Man stillte. Dabei wurden lange Zeit Geschichten gewissermaßen im Zickzack verfolgt: Da man sich nicht viel kaufen konnte, wurde mit Freunden und Nachbarn getauscht oder von ihnen Ausge-. und Zerlesenes (manchmal aus dritter Hand) abgekauft. An kohärentes Sammeln war da nicht zu denken, es wurde alles durcheinander verschlungen, Heft 5 aus Serie A folgte auf Heft 28 aus Serie B und wenn man Glück hatte, setzten sich über mehrere Hefte laufende Geschichten über Monate oder Jahre zu einer ganzen Erzählung zusammen. Ich las sogar die brutal verkleinerten Taschenbücher mit ihren grotesk verkürzten Texten, alles war Futter.

Irgendwann wurde ich Uwe vorgestellt. Uwe, schon einige Jahre älter, hatte so viele Comics, dass seine Mutter sich ärgerte, dafür hätte er doch schon ein Auto kaufen können. Mein Glück. Er ließ mich durch seine Regalmeter lesen, vor allem durch die damaligen bei Carlsen veröffentlichten DC-Serien. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“, „Das erste Jahr“, „Lächeln bitte“ – eine gute Zeit. Die Welt wurde bald ein wenig größer und auch etwas mehr Geld stand zur Verfügung. Es begannen die regelmäßigen Fahrten nach Münster und die Eröffnung eines Abos im örtlichen Comic-Shop: Die ganze Spider-Man-Rutsche. Über Jahre verfolgten mein Bruder und ich jedes Heft, auf dessen Cover Spider-Man prangte. Auch wenn das Interesse an Superhelden irgendwann nachließ, das an Comics blieb bestehen. Das lag nicht zuletzt an der zu dieser Zeit zwei Mal im Jahr in der Halle Münsterland stattfindenden Comicbörse, zu der ich mit Uwe immer fahren konnte. Für wenige Stunden wurde die Welt noch etwas größer, hier gab es Comics zu entdecken, die sonst einfach nicht stattfanden. Hier – das heisst in den ein, zwei Kisten der Händler, die nicht Marvel-, oder DC- oder sonstige Superheldenware enthielten. Weiterhin stand die Überschaubarkeit und Lückenhaftigkeit des Angebots der grundsätzlichen Begeisterung nicht im Weg und so kaufte ich dort erste amerikanische Independent-Comics („The Maxx“, „Scud, the disposable Assassin", „Boneworld“, „Johnny, the Homicidal Maniac“ usw.).

Warum ich so weit aushole? Ich war ein Landei, ein Fahrradmod ohne Szeneanschluss, einfach so ein Christian, der auf diese Messe gespült wurde, auf der vagen Suche nach etwas, dass ihn interessieren könnte. (Das übrigens immer leicht übernächtigt – vor den sonntäglichen Börsenterminen uferten die Feiern am Samstag mehr als sonst aus. Immer. Ein Naturgesetz.) Von der letzten Nacht gezeichnet, mit den Ausläufern pubertärer Formlosigkeit geschlagen und aus dem modischen Niemandsland kommend stiefelte Mitte und Ende der 1990er ein Typ über die halbjährliche Messe in der Studentenstadt und hatte schelmischen Spaß, sich mit damals schon aktiven „Star Wars“- und „Star Trek“-Cosplayern zu fotografieren. Leicht wäre es gewesen, das Leseinteresse abzulegen und das Kapitel Comic zu schließen, es waren aber nicht zuletzt diese Tage auf der Comicbörse in Münster, die die langjährige Begeisterung für Comics weiter entfachten. Es war magisch. Prägend. Meine Origin Story, zumindest ein guter Teil davon.

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Dank an Uwe für die Fotos.
Ker, war ich damals schön.

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