Comics im indonesischen Wahlkampf – Interview mit Jho Tan

Vor rund einer Woche gewann Joko Widodo – genannt Jokowi – die Präsidentschaftswahlen in Indonesien. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Politiker und bisherige Gouverneur von Jakarta setzte sich gegen den ultranationalistischen Ex-General Prabowo Subianto durch. Dem war ein intensiver Wahlkampf vorausgegangen, seitens Prabowo auch mit harten Bandagen geführt. Bis heute weigert sich dieser, das amtliche Wahlergebnis anzuerkennen.

Bereits Anfang diesen Jahres traf ich die indonesische Comic-Autorin Jhosephine Tanuwidjaya (oder kurz: Jho Tan, ebenfalls hier). Sie befand sich unter anderem auf Einladung des Goethe-Instituts auf einer Europareise und besuchte Angoulême, Amsterdam und Berlin (Ihre Comics aus der Zeit finden sich hier). Mit großem Interesse sah sie, was sich in den Comic-Szenen der Länder abspielt, was für eine große Veranstaltung das Comicfestival in Angoulême war und wie sich die Leute untereinander vernetzten. In Indonesien arbeitet sie selbst nicht nur als Autorin, sondern widmet sich Comics auf viele Arten und ist auch bei der Organisation des Comic-Festivals in Jakarta involviert. Wir blieben über Facebook in Kontakt und ich konnte mitverfolgen, wie Jho sich vor Ort für den Wahlkampf zu interessieren begann und beschloss, sich aktiv für die Wahl Jokowis einzusetzen.

In ihren Posts sprach sie von den unterschiedlichen Aktionen, die nicht nur sie, sondern eine Vielzahl Kulturschaffender ergriffen: Comics wurden gezeichnet und online oder gedruckt veröffentlicht, Websites aufgesetzt, ein Online-Spiel programmiert und so weiter. Während des Wahlkampfes selbst war sie kaum zu erreichen, daher stellte ich ihr nun, im Anschluss, meine Fragen, da mich interessierte, wie Comics im Wahlkampf Verwendung fanden, welche Rolle sie spielten und was Jhos Motive dabei waren.

Warst Du von Anfang des Wahlkampfes an in einer pro-Jokowi-Kampagne engagiert oder gab es eine besonderes Ereignis, das dazu führte, aktiv zu werden?

Zu Beginn war ich ziemlich apathisch der indonesischen Politik gegenüber (es gibt dort Vieles, das mir nicht gefällt), aber Jokowi hatte bereit einige gute Dinge auf die Beine gestellt. Irgendwann wurden eine Reihe von Comic-Künstlern von einem neuen „Kreativkommitee“ angesprochen, ob sie nicht hinzukommen und eine positiv-kreative Kampange auf die Beine stellen wollten. Einer der Comiczeichner (Beng Rahardian) lud mich ein, mitzukommen und so gründeten wir „Jokomik“ als Teil dieser Kampagne. Ungefähr 10-20 Leute arbeiten für „Jokomik“, davon sind ungefähr zehn Künstler.

Kannst Du mir ein wenig über „Generasi Optimis“ (optimistische Generation) erzählen? Gab es die Organisation schon vor der Wahl, bzw. dem Wahlkampf?

„Generasi Optimis“ wurde kurz nach Jokowis Kandidatur von einer Reihe Kreativer gegründet. Die aktiven Mitglieder sind relativ jung (19-40 Jahre) und arbeiten in Kreativberufen wie freier Kunst, Animation, Film, Games und „Digital Performance“. Ein Team baute einige Autos, auf dem sich ein „e-Jokowi“ befand, eine digitalisierte Version von ihm, die sich mit Leuten unterhalten konnte. Einige hatten schon anderweitige Wahlkampferfahrung, das Besondere hier war, dass alle von sich aus wollte, dass Jokowi gewinnt. Alles, was wir machten, wurde von uns innerhalb von zwei bis vier Wochen auf die Beine gestellt.

Für die Kampagne entstanden unter anderem:

(Wie es aussieht, ist die Website generasisoptimis.org gegeoblocked. Ein Zugang ist mir zumindest nicht möglich.)

Was genau waren Deine Motive dafür, aktiv zu werden?

Für mich persönlich wurde es immer klarer, als Prabowo Subianto begann, Hardliner und radikale religiöse Gruppen, die für ihre Opposition gegenüber dem Pluralismus bekannt sind, in seine Koalition aufnahm. Im Hintergrund spielten sich eine Menge undurchsichtiger Dinge ab: Viele in Prabowos Reihen stammten nicht nur aus dem alten Parlament, sondern aus der New Order-Ära. Viele haben dabei einen dubiosen Hintergrund (Korruption, Vetternwirtschaft, etc.), bleiben aber soweit unantastbar, da sie noch in Amt und Würde stehen. Ganz zu schweigen von Menschenrechtsproblemen, die sich bisher noch kein Präsident traute, offen anzugehen.
Konkret war es ein Ereignis, das mich letztlich dazu brachte, aktiv zu werden. Ein Mitarbeiter Prabowos begann, in den Medien von den Ausschreitungen von 1998 zu sprechen. Im Mai 1998 war es in ganz Indonesien zu rassistischen Angriffe vor Allem auf chinesisch-Indonesier richteten. Ich bin eine von diesen und ich war da, als sie geschahen – und das war kein schöner Anblick.
Ein bestimmter Mitarbeiter nahm nun also Fotos der vergewaltigten und ermordeten Opfer und machte Anspielungen: Eine verhüllte Drohung, dass solche Ereignisse wieder passieren könnten, wenn sein Kandidat nicht gewinnen würde. Das war unglaublich mies und ich war außer mir vor Wut, aber hey, ich bin nur eine Comiczeichnerin.
Es gibt viele weitere Gründe, wie zum Beispiel meine Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Regierungsstellen und ihrer Bürokratie, dazu Schmähkampagnen, aber das würde hier den Rahmen sprengen.

Wie es aussieht, waren Comics ein ganz natürlicher Bestandteil des Wahlkampfes, bzw. eurer Kampagne. Was waren das genau für Comics?

Das Problem war, Künstler zu finden, die schnell und vollzeit für die „hard campaign“ arbeiten wollten. Du wärest überrascht darüber, wie viele Künstler sich aus dem Projekt raushalten wollten. Einige glaubten den Schmähkampagnen, andere wollten sich einfach nicht so sehr engagieren, und so weiter.
Die Comics werden online und gedruckt vertrieben. Die Auflage variiert dabei zwischen 1.000 und 1.000.000. für die Graswurzel-Kampagne. VIELE weitere haben darüber hinaus noch Comics gemacht. Die beliebtesten stammen von Hari Prast, der von „Tim & Struppi“ inspirierte Cover anfertigte.

Du hast zwischen „soft“ und „hard campaign“ unterschieden. Kannst Du das kurz erklären?

Mit „Soft campaigning“ meine ich unsere Comics, die sich nicht direkt mit Jokowi auseinandersetzen, sondern eher auf ihn anspielen. Cepot und Dawala zeigten zum Beispiel die Absurditäten des Wahlkampfs. Jokosatsu Wanguns Comic scheint zunächst in keiner Beziehung zum Wahlkampf zu haben. Sein Comic über einen Jungen, der sich in einen Helden verwandelt und das auch bei anderen auslöst, damit sie ihre eigenen Probleme bewältigen können, greift jedoch einen von Jokowis Leitsprüchen auf.
Mit „hard campaign“ meint einfach, dass Jokowi selbst auftaucht, wie zum Beispiel in einer Comic-Biografie oder in Anti-Schmähkampagnen-Comics, die wir gemacht haben.

Wie war die Reaktion der Leserinnen und Leser auf die Tatsache, dass ihr so aktiv gerade mit Comics gearbeitet habt? Habt ihr damit ein anderes Publikum erreicht?

Es ging darum, das Interesse auf direktem Weg zu wecken und aufrecht zu erhalten. Wie in manchen Zeitungen gelang das hier auch durch die vielen Bilder. Wir richteten uns hauptsächlich an die unentschiedenen Wähler und wollten nicht die die-hard-Unterstützer umstimmen. Natürlich halten wir uns dabei an die Fakten in den Geschichten und stellen nichts in provokativer Art da. Dieser Ansatz hat scheinbar seine Wirkung gehabt.
Nach Medienberichten half der kreative Ansatz dabei eine optimistische und positive Stimmung zu verbreiten. Der Wahlkampf wurde so viel angenehmer.
Comics sind bei all dem nur eine von vielen Mitteln, zum Beispiel waren Internet-Memes dabei auch sehr wichtig.

Denkst Du, dass etwas Besonderes in Comics steckt, was sie für solche Kampagnen oder die Wissensvermittlung oder um Geschichte darzustellen besonders geeignet macht?

Ja. Zunächst ist es das nur der Reiz des Neuen, da wir uns aber von negativer Kampagnenführung soweit fernhalten umgibt sie eine optimistische Atmosphäre. Viele haben uns geschrieben, dass die Comics ihre Aufmerksamkeit soweit geweckt haben, dass sie sich mehr für die aktuellen Vorgänge zu interessieren begannen, und dass das Format ihnen auch geholfen hat, die Mission und die Vision des Kandidaten zu verstehen.
Das ist vielleicht auch eine Mentalitässache: Wir sind hier sehr offen neuen und experimentellen Ansätzen gegenüber und politisch darüber hinaus noch wenig festgelegt. Ich bezweifle, dass es in anderen Ländern so gut funktionieren würde, wir hatten da großes Glück.

Die Bemühungen scheinen sich gelohnt zu haben: Joko Widodo hat die Wahl gewonnen. Ist damit für Dich auch die Kampagne vorbei?

Die Kampagne ist nun vorbei, aber Generasis Optimis macht weiter. Wir planen, weiterzumachen, sind aber noch in der Planungsphase. "Jokomik" wird auch fortgesetzt, ich werde das Konzept aber überarbeiten. Es wird dann weniger Kandidaten behandeln als vielmehr optimistische Perspektiven in den Mittelpunkt stellen und dabei Zitate und Personen aus der Geschichte aufgreifen. Ich denke, dass Viele der jüngeren Generation eine Menge gelernt haben im Verlauf des Wahlkampfs, in der wir uns bereits mit der Historie und interessanten Einsichten und Philosophien vergangener Lenker und Kämpfer beschäftigt haben. Das würde ich gern in zukünftigen Comics behandeln, als Ausgangspunkt für eine Diskussion vielleicht.

Ergänzung:

Einen Abriss über die Geschichte des Comics in Indoesien gibt Comic-Experte Surjorimba Suroto auf der Website des Goethe-Instituts.

Weitere Informationen über Jokowis Wahlsieg und einige Hintergründe geben Berichte in der taz und der Frankfurter Rundschau.

Jokowi ist nicht nur neuer Präsident Indonesiens, sondern eingefleischter Metalfan: Von Led Zeppelin über Metallica bis Napalm Death.

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